Das Flimmern (Teil 3)
von Stefan Robijn
Jeremy
Obwohl Jerry den Neuen irgendwie mochte (wobei er nicht hätte sagen können warum, oder was genau er an ihm mochte) fand er ihn manchmal auch ein bisschen seltsam.
Nicht auf eine Weise seltsam, dass er seiner Mom
etwas davon hätte erzählen müssen, aber doch in einem Maße, dass es ihn
beschäftigte.
Zum Beispiel stellte er ihm sehr viele Fragen. Nicht nur über die Dinge, die er mochte oder nicht mochte, sondern auch über die Schule und ob er Freunde oder eine Freundin hätte.
Er hatte sogar nach seinem Vater gefragt, und während Jerry bei den meisten anderen Fragen nur ausweichend geantwortet oder die Schultern gezuckt hatte, war es ihm merkwürdig leicht gefallen, zumindest diese Frage zu beantworten.
Zwar wusste er, dass seine Mom ihm verboten hatte, mit irgendwelchen Leuten über seinen Dad zu reden, aber erstens war Howard ja nicht irgendwer und zweitens kannte Jerry seinen Dad schließlich gar nicht, jedenfalls nicht richtig.
Er wusste nur, dass er sich vom Acker gemacht hatte,
als Jerry gerade mal vier Jahre alt war und dass er inzwischen nicht mehr
lebte, weil er sich in einem Motelzimmer nur etwa zwanzig Meilen von ihrem Haus
entfernt erschossen hatte.
Letzteres erzählte er Howard zwar nicht, weil er keinen
Ärger mit seiner Mom wollte, aber er verschwieg auch nicht, dass er nicht mehr
am Leben war, was seinen Freund und Nachbarn irgendwie zu erstaunen schien.
Aber dann nickte er, so als ob er damit gerechnet hätte und fragte nicht weiter
nach.
Nachdem Jerry also fast alle seine Fragen so gut es ging
beantwortet hatte, traute er sich, seinerseits ein paar Fragen zu stellen, aber
anstatt zu antworten - und das ärgerte ihn etwas - hatte Howard meistens nur
gelächelt oder die Schultern gezuckt, so als ob er ihn nachmachen wollte.
Doch dann schien er zu merken, dass Jerry ein bisschen
beleidigt war und sagte ihm, dass es eigentlich überhaupt nichts interessantes
über ihn zu erzählen gab, aber da Jerry ihm die Sache mit seinem verstorbenen
Dad anvertraut hätte, erzählte er ihm, dass auch er jemanden verloren hatte.
Nicht einfach nur irgendjemanden, sondern seinen Sohn.
Jerry hatte nur genickt und wollte gar nicht weiter nachhaken, aber dann hatte
Howard ihm erzählt, dass sein Sohn im Alter von acht Jahren gestorben war, weil
er - und das fand Jerry so merkwürdig, dass er fast doch noch nachgehakt hätte
- zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen wäre.
Nach diesen Worten hatte Howard ihn mit einem irgendwie
unheimlichen Blick angesehen, so als müsste er überlegen, ob er ihm erklären
wollte, wie er das meinte, aber dann hatte er den Blick abgewandt, sich die
Tränen aus den Augen gewischt und ihm gesagt, dass es langsam Zeit fürs
Abendessen sei und Jerry lieber nach Hause gehen sollte, bevor seine Mom wieder
bei ihm klingeln und ihm die Schuld geben würde.
Und obwohl Jerry meistens nur widerwillig nach Hause
ging, war er diesmal ziemlich erleichtert darüber, dass er abhauen durfte.
Doch bevor er ging, bat Howard ihn, noch einen Moment zu
warten. Er ging rüber ins Schlafzimmer (das Wohnzimmer benutzte er nicht)
kramte dort in irgendeiner Schublade herum und kam dann mit einem Taschenbuch
in die Küche zurück, das er Jerry in die Hand drückte.
“Das solltest du irgendwann mal lesen”, sagte er, wobei
er ihm einen seltsamen Blick zuwarf. “Es ist eigentlich ein Buch für Erwachsene
aber ich glaube, du bist alt und klug genug, um zu verstehen, worum es geht.”
Jerry nickte und warf einen Blick auf das Cover. Das Buch
hatte einen seltsamen, ziemlich langen Titel. “Die Stunde, in der ich zu
glauben begann” von einem Autor namens Wally Lamb.
Jerry glaubte, sich ein bisschen mit Literatur
auszukennen, aber dieser Name und der Titel sagten ihm gar nichts. “Ist das
irgendwas… religiöses?” fragte er skeptisch. Howard schüttelte mit ernstem Blick
den Kopf.
“Nein, gar nicht. Der Titel ist nur ein Teil des letzten
Satzes. Manche Autoren machen das, damit sich am Ende sowas wie ein Kreis
schließt. Aber es hat eigentlich nichts mit dem Inhalt zu tun.”
“Und worum geht es dann?” fragte Jerry.
“Es geht um zwei Jungen, die… einen schlimmen Fehler
machen”, sagte er. “Und um die Menschen, die mit den Folgen dieses Fehlers
leben müssen.” Jerry schaute ihn nur an und nickte. Er wusste immer noch nicht
so richtig, warum er dieses Buch unbedingt lesen sollte.
“Fang einfach mal an zu lesen”, sagte Howard lächelnd.
“Vielleicht gefällt es dir nicht sofort, aber du weißt ja hoffentlich noch,
worüber wir neulich gesprochen haben…”
Jerry nickte. “Dass man nicht so schnell aufgeben soll,
wenn einem die ersten paar Seiten nicht gefallen”, sagte er.
“Oder die ersten paar Kapitel”, ergänzte Howard lächelnd.
“Also schön dranbleiben, okay?”
Jerry nickte wieder, dann schlug er, eher um seinen guten
Willen zu zeigen, denn aus echtem Interesse, das Buch auf, blätterte die ersten
Seiten um und stutzte. “Da fehlt eine Seite”, sagte er und hielt Howard das
aufgeschlagene Buch hin. Der winkte sofort ab.
“Das ist nur das Impressum”, sagte er. “Keine Ahnung, wer
die Seite rausgerissen hat, oder warum. Aber der Romantext ist vollständig. Ich
habe es gerade erst ausgelesen, es wäre also zwecklos, es mir zurückzugeben,
weil angeblich noch mehr Seiten fehlen…”
Er zwinkerte ihm zu. Jerry nickte wieder und grinste
schief, dann ging er mit dem dicken Wälzer, von dem er jetzt schon wusste, dass
er ihn bestimmt nie im Leben auslesen würde, nach Hause und legte ihn in die
Schublade seines Nachttisches, damit Mom den komischen Titel nicht sehen
konnte. Jerry erinnerte sich nur zu gut, dass sie sich einmal geweigert hatte,
eine neue Ausgabe der Bibel zu kaufen, die er für die Schule brauchte, weil sie
es nicht einsah, für ein uraltes Märchenbuch Geld auszugeben.
Und Jerry hatte einfach keine Lust ihr zu erklären, worum
es in dem Buch wirklich ging. Wenn er ganz ehrlich war, hatte er das auch schon
wieder vergessen.
Ende des dritten
Teils
© by Stefan Robijn

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