Das Flimmern (Teil 1)
von Stefan Robijn
An extremely quiet child
they called you in your school report“
„Ticking“ (B.Taupin)
Howard
(August 2020)
Howard Leary stand an der Dachkante und schaute nach
vorn. Nicht nach unten, denn erstens war er nicht schwindelfrei und zweitens
wusste er ja, was ihn dort erwartete. Nein, er schaute nach vorn, so als gäbe
es dort etwas anderes zu sehen, als die Schwärze der Nacht.
Als hoffte er, dass sich im letzten Moment, bevor der
kleine Schalter in seinem Kopf umgelegt wurde, so etwas wie eine unsichtbare
Brücke in dieser Schwärze bilden würde, um ihn hinüber zu geleiten in eine
bessere Welt. Eine Welt, in der das Schlimme nicht passiert war. In der es noch
sowas wie Hoffnung und einen Grund gab, morgens aufzustehen.
Ein zufälliger Beobachter hätte vermutlich gedacht, dass er einfach nur Angst davor hatte, nach unten zu schauen, aber obwohl er wie gesagt nicht schwindelfrei war, stimmte das nicht. Howard Leary hatte weder Angst vor dem alles verzehrenden Schmerz beim Aufprall auf dem nassen Asphalt unter ihm, noch vor dem Tod.
Er hatte Angst vor dem Leben. Vor den Bildern, die ihn
heimsuchten, sobald er die Augen schloss. Sobald er sie nach einer traumlosen
Nacht öffnete. Sobald er die wirren Sphären des Unterbewusstseins verließ und
sich in der Realität wiederfand. Versuchen Sie nicht, die Bilder zu verdrängen,
hatte sein Therapeut gesagt. Setzen Sie sich damit auseinander.
Aber wie konnte er das, wenn das bedeutete, dass er immer
und immer wieder dabei zusehen musste? Nicht wegschauen durfte, nicht jedes
kleine und kleinste Detail verpassen durfte? Wie zum Teufel sollte ihm das
helfen?
Es gab nur eine Möglichkeit, die Bilder loszuwerden, sie
für immer auszuschalten. Im Grunde hatte er das bereits gewusst, lange bevor es
passiert war. Sollte ihm jemals etwas zustoßen, hatte er sich immer geschworen,
dann endet alles, auch für mich.
Natürlich hatte er ebenso gewusst, dass er möglicherweise
zu feige für diesen Schritt sein könnte, aber nun stand er hier, hatte es bis
zu diesem Punkt geschafft und alles was jetzt noch fehlte, war wirklich nur
noch dieser eine, letzte Schritt.
Der Schalter, mit dem er die Bilder für immer ausschalten
konnte, lag direkt vor ihm. Und da dies kein Film war, gab es niemanden, der
ihn in letzter Sekunde davon abhalten würde. Niemand wusste, dass er hier war,
weil es niemanden mehr gab, den es noch interessierte, wo er war oder was er
tat.
Dafür hatte er immerhin gesorgt. Kein Handy, das im letzten Moment klingelte, niemand, der zu ihm rauf kam und sich neben ihn stellte, um ganz locker mit ihm zu plaudern, als wäre es etwas völlig normales, mitten in der Nacht hier oben auf dem Dach eines Hochhauses zu stehen.
Kein
Sprungtuch, das unter ihm ausgebreitet wurde, keine aufgeregte Menschenmenge,
nichts. Nur die Schwärze der Nacht und der Abgrund, die Tür ins Vergessen.
Er versuchte, alle Gedanken auszuschalten, atmete ein
letztes Mal tief durch, dann hob er - die Augen noch immer stur geradeaus
gerichtet - den rechten Fuß, um den
letzten Schritt in seinem Leben zu tun.
Das war der Moment, in dem er das Flimmern sah. Eigentlich
sah er nur irgendetwas aus dem Augenwinkel, das sich von der Schwärze der Nacht
abhob, aber das änderte bereits alles.
Vielleicht war es die Erleichterung darüber, dass er so kurz
vor dem Ende noch von irgendwas abgelenkt wurde, vielleicht dachte ein Teil von
ihm sogar an Schicksalsfügung, etwas worüber er früher immer gelacht hatte,
vielleicht war es auch einfach nur ein Reflex.
Jedenfalls bewegte sich sein Kopf, er schaute in die
Richtung, in der er eine Lichtspiegelung oder sowas wahrgenommen hatte und sah
das Flimmern nun unmittelbar. Eine kaum wahrnehmbare, nebelhaft wabernde
Erscheinung, die wie eine Wolke aus Licht direkt neben ihm in der Luft zu
schweben schien.
Er drehte sich langsam um und streckte den rechten Arm
aus, um das flimmernde Feld zu berühren. Es fühlte sich seltsam angenehm an,
kribbelte an seinen Fingerspitzen, so als würde man einen elektrisch
aufgeladenen Pullover anfassen. Was in aller Welt konnte das sein?
Zumindest keine optische Täuschung, denn die konnte man nicht berühren. Howard hatte sich längst von der Dachkante abgewandt und stand nun unmittelbar vor dem etwa mannshohen Flimmerfeld. Und plötzlich glaubte er zu wissen, was er tun musste.
Er wusste nicht, warum, aber er wollte es auch
gar nicht wissen. In diesem Moment reichte ihm die Gewissheit, dass es das
Richtige war.
Er trat in das flimmernde Feld hinein.
****
Jeremy (August 2000)
Bevor der neue Nachbar in die Wohnung der alten Mrs.
Gregory gezogen und so etwas wie sein Freund geworden war, hatte Jerry gar
keinen Freund gehabt. Jedenfalls keinen richtigen, also jemanden, dem man alles
erzählen konnte und der es dann nicht sofort weitererzählte.
Jemand, mit dem man sich regelmäßig traf, der die gleiche Musik hörte, die gleichen Bücher las und immer sofort wusste, was man meinte, wenn man über einen bestimmten Song oder ein bestimmtes Buch sprach.
Er wusste selbst nicht genau, warum es so jemanden nicht
gab. Seine Mutter sagte immer, dass es an der Umzieherei läge, dass er sich
einfach nicht traute, sich mit jemandem anzufreunden, aus Angst ihn irgendwann
wieder zu verlieren, aber eigentlich wussten sie beide, dass das nicht der
Grund war. Der eigentliche Grund war der, dass niemand ihn mochte, dass die
anderen Kinder ihm aus dem Weg gingen und aus der Entfernung über ihn
tuschelten oder lachten.
Warum sie das taten, wusste er nicht, und hätte er es
seiner Mutter erzählt, hätte sie ihm vermutlich gesagt, dass es auch dafür
überhaupt keinen Grund gab.
Er hatte keine Segelohren, keine feuerroten Haare, wie
sein Cousin Vincent, er war nicht zu klein oder zu dick, er hatte keinen
Mundgeruch (jedenfalls glaubte er das nicht, weil er seit er denken konnte,
süchtig nach Tictacs mit Orangengeschmack war) und was seine Klamotten betraf,
so trug er immer nur Jeans und T-Shirts ohne Motiv, also nichts, was
irgendjemanden hätte veranlassen können, mit dem Finger darauf zu zeigen.
Er war auch nicht schlauer als die anderen oder dümmer,
er war, so glaubte er, alles in allem so normal und unauffällig, wie ein
12jähriger Junge nur sein konnte. Und doch gab es in seinem Leben keinen
Freund, nicht mal einen Nachbarjungen mit dem er sich hätte anfreunden können.
Einmal hatten sie nach dem Einkaufen einen etwa
gleichaltrigen Jungen mit in die Wohnung genommen, weil Mom ihn dabei erwischt
hatte, wie er in dem Gang, der zum Hinterhof führte, an die Wand pinkeln
wollte.
Der Junge war nur ganz kurz im Badezimmer gewesen und als
Jerry ihm anschließend sein Zimmer zeigen wollte, hatte er nur den Kopf
geschüttelt und war wieder gegangen. Er wusste nicht mal seinen Namen, aber in
der kurzen Zeit seines Besuchs schien auch er für sich entschieden zu haben,
dass er Jerry nicht mochte.
Doch dann war letzten Monat der “Neue”, wie Mom ihn
nannte, in die Wohnung neben ihnen gezogen, in der vorher die alte Mrs. Gregory
gewohnt hatte. Jerry hatte sie kaum gekannt, aber seine Mom hatte immer ihre
zwei Katzen versorgen müssen, wenn sie im Krankenhaus lag.
Irgendwann war sie dann einfach nicht wiedergekommen und
Mom hatte beim Tierheim angerufen, damit jemand die Katzen abholte. Vorher
hatte sie ihn noch gefragt, ob er sich vorstellen könnte, dass sie die Tiere
bei sich aufnahmen, aber Jerry mochte keine Katzen und er war sich sicher, dass
Katzen ihn auch nicht mochten, weil sie - genau wie die anderen Kinder - immer
einen großen Bogen um ihn machten.
Der neue Nachbar schien ebenfalls keine Katzen zu mögen,
jedenfalls hatte er das Gesicht verzogen, als Ma ihm erklärte, warum es in der
Wohnung so schlimm stank.
Das war bei ihrer ersten Begegnung gewesen, als der Neue
sich bei ihnen vorgestellt hatte (Jerry kannte ihn da bereits, weil er genau
wie er selbst, oft draußen im Hinterhof saß und Bücher las), und als Ma ihn
fragte, warum ihn der Gestank nicht abschreckte, so wie die anderen Leute, die
dagewesen waren, um sich die Wohnung anzusehen, hatte er nur abgewinkt und
gesagt, dass der Geruch eines Tieres etwas völlig natürliches sei und dass
Gestank immer von Menschen verursacht wird, weil sie entweder ihre Haustiere
oder sich selbst nicht richtig pflegen.
Ma hatte darüber gelacht, aber Jerry fand das nicht
wirklich witzig. Allerdings lachte er sowieso nicht so oft. Seine Mutter
schüttelte immer nur den Kopf, weil er meistens keine Miene verzog, wenn sie
sich irgendeinen Cartoon oder eine Komödie mit Tom Hanks oder John Candy
anschauten, während sie sich vor Lachen fast in die Hose machte.
“Irgendwas stimmt mit dir nicht”, sagte sie dann immer.
Und vielleicht hatte sie damit ja recht. Vielleicht war das der Grund, warum er
keine Freunde hatte. Keinen bis auf den neuen Nachbarn, dem es nichts
auszumachen schien, dass Jerry nie lachte. Er selbst lachte nämlich auch
meistens nicht.
Er saß eigentlich die meiste Zeit draußen oder in seiner
Küche und las Bücher von John Irving, Pat Conroy oder Charles Dickens. Jerry
kannte Dickens, weil sie in der Schule “Oliver Twist” durchgenommen hatten, und
als er dem Neuen das erzählte, hatte der ihm eine Geschichte aus Dickens Leben
erzählt. Irgendwas mit einem Zugunglück, bei dem der Autor angeblich dabei
gewesen war.
In der Schule hatte Jerry davon nichts gehört, aber es
klang nicht so, als hätte sein Nachbar sich das bloß ausgedacht. Es gäbe sogar
ein Buch, erzählte er ihm, in dem es unter anderem um dieses Zugunglück ging.
Eines, das Dickens nicht geschrieben hätte, sondern in dem er selbst die
Hauptfigur war. Der Neue besaß die Taschenbuch -Ausgabe, aber als Jerry ihn
gefragt hatte, ob er sich die irgendwann mal ausleihen könnte, hatte er nur
“mal sehen” gesagt.
Seine Mom war natürlich zuerst sehr skeptisch gewesen,
als er zu ihm rüber gehen wollte, aber dann hatte der Neue sie beide zum
Abendessen eingeladen und sich ganz prima mit ihr verstanden. Obwohl Mom es
schon etwas komisch fand, dass er die Wohnung überhaupt nicht renoviert und
sogar die alten Möbel der Vormieterin übernommen hatte, erlaubte sie Jerry nach
diesem Abend, zu ihm zu gehen, wenn sie zu hause war. Allerdings auch nur dann.
“Was macht ihr eigentlich die ganze Zeit da drüben?”
hatte sie ihn einmal gefragt. “Ihr redet doch nicht nur über Bücher?”
“Er zeigt mir jedenfalls nicht seine Briefmarkensammlung,
falls du dir deswegen Sorgen machst”, hatte Jerry mit wie immer todernster
Miene gesagt. Mom hatte ihn mit leichtem Entsetzen angesehen. “Glaubst du, ich
hätte dich auch nur in die Nähe seiner Wohnungstür gelassen, wenn ich sowas
denken würde?”, fragte sie. Jerry hatte den Kopf geschüttelt.
Er wusste, dass seine Mutter dem Neuen niemals voll und
ganz trauen würde, so sind Mütter nun mal, aber nachdem sie nun selbst schon
dreimal drüben gewesen war, traute sie ihm immerhin mehr, als seinem
Klassenlehrer Mr. Farnham, der Jerry mal einen ganzen Nachmittag lang
nachsitzen lassen wollte.
Jerry wusste nicht mehr genau warum, aber nach ungefähr
einer Stunde war Mom plötzlich in das Klassenzimmer gestürmt, hatte Mr. Farnham
einen bösen, wütenden Blick zugeworfen und Jerry gesagt, dass er seine Tasche
packen und mit nach hause kommen solle. Mr. Farnham hatte sie nur mit großen
Augen angestarrt, aber er hatte sie ohne ein Wort des Protests gehen lassen.
Den Neuen hatte sie noch nie wütend oder böse angesehen,
sie schien ihn sogar irgendwie zu mögen. Das einzige, was sie an ihm komisch
fand, mal abgesehen von den alten Möbeln, war sein Name, weil sie nicht wusste,
ob es sein Vor- oder sein Nachname war.
Auf dem Türschild stand nur “Howard”, also hatte Jerry
ihn zuerst immer mit Mr. Howard angesprochen. Irgendwann hatte der darüber
gelacht und ihm gesagt, dass er ihn einfach Howard nennen könne, es schien also
sein Vorname zu sein. Seinen Nachnamen hatte er ihm nicht verraten, aber danach
hatte Jerry auch nicht gefragt.
Ende des ersten
Teils
© by Stefan Robijn
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