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Montag, 6. November 2023

Ein Werkstattbericht: Im Reich der Nocturno - Maddrax-Band 621

Ein Werkstattbericht

Das seltsame Volk unter der Erde

Im Reich der Nocturno – Maddrax-Band 621

Spoiler Alarm! Ich empfehle, diesen Bericht erst nach der Lektüre des Heftromans zu lesen. Sonst wird die eine oder andere Überraschung verdorben.

Wer sind die Nocturno, woher stammen sie, und warum pfeifen sie die ganze Zeit? Um diese Fragen zu beantworten, muss ich ein wenig ausholen.

Anfang des Jahres wurde ich von Michael Schönenbröcher (Lektor und redaktioneller Betreuer der Maddrax-Serie) gefragt, ob ich eine Idee für einen Minizyklus innerhalb des laufenden Zyklus habe.  Der Handlungsbogen sollte sich über mehrere Hefte erstrecken und in sich abgeschlossen sein.

Ich gebe zu, dass ich mich zunächst leicht überfordert fühlte. Weil ich als Autorin recht neu dabei bin, und nach dem Zweiteiler Band 592 und Band 593 mit Ian Rolf Hill im Tandem erst einen eigenen Roman zur Serie beigesteuert hatte ("Der Tempel" – Band 601).

Andererseits war es eine super Gelegenheit, den weiteren Verlauf der Handlung aktiv mitzugestalten. Da mein Roman den Startschuss für den Minizyklus liefern sollte, konnte ich sehr frei agieren. Und es entspannt den nachfolgenden Autoren überlassen, mit meinen Ideen und den daraus resultierenden Konsequenzen / Herausforderungen klarzukommen.

Eine der wenigen Vorgaben war, dass in Kolumbien eine erneute Expedition in die (den Lesern bereits bekannte) Todeszone stattfinden sollte, um dort den Ursprung eines Pilzorganismus zu finden. Der hat in vorherigen Romanen bereits eine wichtige Rolle gespielt. Bei der Kontaktaufnahme mit eben jenem Pilz sollte Haaley aushelfen, beziehungsweise ihre latenten telepathischen Fähigkeiten.

Gemeinsam mit Ian Rolf Hill spielte ich einige Runden kreatives Pingpong, um die Expedition möglichst spannend zu gestalten. Dabei ergab sich eine Fülle von Ideen. Das Team (bestehend aus Matt, Haaley, Dak’kar und All’ec, einem Sprengmeister von der Nimitz) würde während der Fahrt durch die Todeszone mit dem Amphibienpanzer PROTO in einen Hohlraum einbrechen.

Besagter Hohlraum gehört zu einem weitreichenden Tunnel- und Höhlensystem, in dem eine verborgene Gesellschaft lebt. Natürlich begegnet das Expeditionsteam den seltsamen Unterweltbewohnern und gerät prompt in erhebliche Schwierigkeiten. Auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehe werde.

Nur wie sollte diese verborgene Gesellschaft aussehen? Wie sollte sie organisiert sein, und auf welchem Zivilisationsniveau sollte sie sich befinden? Ein Haufen Wilder in Lendenschürzen kam für mich definitiv nicht in Frage. Das wäre langweilig und klischeehaft.

Schließlich kam mir die Idee, dass es sich um einen Stamm handeln könnte, der sich vor Jahrhunderten aus irgendeinem Grund eine unterirdische Existenz geschaffen, und sich dadurch immer weiter vom oberirdischen Leben entfernt hat. Bis hin zum vollständigen Verlust der Lese- und Schreibfähigkeiten, einer äußerst eingeschränkten gesprochenen Sprache, und körperlicher Mutation und Degeneration.

Als Auslöser für einen Rückzug in den Untergrund wählte ich den Einschlag des Kometen ‚Christopher Floyd‘; diese globale Katastrophe, die die Maddrax-Erde gravierend verändert hat. Dort konnte ich ansetzen, und in Rückblenden die Geschichte und Weiterentwicklung (oder Rückentwicklung) des Stammes erzählen. Immer im Wechsel mit Szenen aus der Gegenwart.

Der ursprüngliche Stamm sollte aus kolumbianischen Bauern bestehen, die sich auf der Suche nach einem geeigneten Schutzraum in ein Kavernensystem unter dem Dschungel zurückziehen. Weil es nach dem Einschlag des Kometen an der Oberfläche zu gefährlich ist, richten sich die Menschen notgedrungen häuslich ein und schaffen nach und nach das Tunnel- und Höhlensystem der Gegenwart.

Ihre Körper und Sinne passen sich allmählich der neuen Umgebung an. Sie entwickeln telepathische Fähigkeiten und verständigen sich vornehmlich durch emotionale Schwingungen und schrille Pfeiflaute (die in den Tunneln leichter zu verstehen sind).  Diese Eigenheiten haben zu einer der dialogärmsten Geschichten in meiner bisherigen Laufbahn als Schriftstellerin geführt. Eine interessante Erfahrung.

Die größte Herausforderung in der Gegenwartshandlung war es dann auch, die Sprachbarriere zwischen dem Expeditionsteam und den Nocturno zu überwinden. Sie besitzen keine gemeinsame Form der Kommunikation, was zu Verwirrungen und Missverständnissen führt. Am Ende ist es Haaley, die Licht ins wortwörtliche Dunkel bringt. Und dadurch offenbart, wie tief das Team im Schlammassel steckt.

Den detaillierten Ablauf der Expedition habe ich übrigens auf der verschlafenen Insel Molokai’i ausgearbeitet. Im Zuge eines Sabbaticals habe ich sechs Wochen lang Hawaii bereist. Auf Molokai’i kehrte für eine Weile Ruhe in meine sehr aktive Planung ein, und ich konnte mich entspannt dem Schreiben widmen.

Es war ein besonderes Erlebnis, am anderen Ende der Welt zu sein, auf Strand und Palmen zu schauen, und sich dabei mit der postapokalyptischen Maddrax-Welt zu beschäftigen.

Mit besten Grüßen,

Lara Möller

P.S.: ‚Nocturno‘ bedeutet im Spanischen unter anderem ‚nächtlich‘ oder   ‚nachtaktiv‘.

© by Lara Möller

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