Sven
Haarmann: Hier sitzt und schreibt ein klassisches Kassettenkind, mit ursprünglichem
Hauptwohnsitz in Rocky Beach, also einem ausgeprägten Faible für die drei ???,
selbstverständlich auch für andere Hörspiele, seit Beginn der 1980er-Jahre.
H. G. Francis' Gruselserie habe ich lustigerweise erst Ende 1987 und Anfang 1988 auf dem zweiten Bildungsweg in ihrer bunten GRUSEL-Neuausgabe kennengelernt - ohne einen blassen Schimmer, dass diese zehn Geschichten schon einmal in grün- und pinkfarbenem Gewand erschienen waren.
Bis mir ein Klassenkamerad einen alten
EUROPA-Jugendkalender mit der Liste aller 18 Folgen unter die Nase hielt. Nur
wenige Tage später gab es ein fröhliches Wiedersehen mit einem jahrelang
verschollenen Freund, er besaß zufälligerweise "Das Duell mit dem
Vampir" ... um mal den zur gleichen Zeit im westdeutschen Fernsehen
startenden ALF zu zitieren: "Der Rest ist ein Blackout!"
Ingo
Löchel: Wie kamst Du auf die Idee zu Deiner Seite „gruselseiten.de“?
Sven
Haarmann: Das war zehn Jahre später, Anfang 1998. Dieses komische Internet wurde
allmählich erreichbar und erschwinglich: Die allerersten Suchbegriffe im World
Wide Web führten zur legendären "Rocky Beach Homepage" in Münster und
zu "Svens Hörspiel-Welt", die älteste Hörspiel-Fanseite überhaupt.
So viele Infos zu so vielen Hörspielen! Sven Strickers
Ansatz, sich mit dem vermeintlichen Kinderkram ohne nostalgische Verklärung
auseinanderzusetzen, bereitete dank selbstironischem Augenzwinkern viel
Vergnügen.
So kam die Idee auf, bei ihm mein bis dato in spärlichem Umfang angehäuftes Zusatzwissen zu den Schauplätzen der Gruselserie in einem Gastbeitrag unterzubringen. Kaum war er im November 1998 online, kamen neue Funde und weitere Bereiche nach und nach hinzu, zumal sich herausstellte, dass mein Gastbeitrag bald ohne Gastgeber dastehen würde, weil Sven ein erster Job in der Hörspielbranche winkte und er sich dazu durchringen musste, seine Seite zu schließen.
Und da bei der Gruselserie noch mehr zu entdecken war, machten
sich die Gruselseiten selbständig - nicht zum schlechtesten Zeitpunkt, denn
genau in diesen Wochen sickerte die Nachricht von der "Rückkehr der
Klassiker" durch und EUROPA veröffentlichte ab Mai 1999 neben "Perry Rhodan"
auch die Gruselserie erneut auf MC und erstmals auf CD.
Die Gruselseiten wuchsen langsam weiter. Ihre Struktur
und ihre Optik wurden hingegen sehr bald ganz bewusst nicht mehr verändert -
sie sind auch heute noch ein simples Frameset mit Navigationsleiste ohne
jeglichen Schnickschnack. So langsam setzten sie aber doch zusehends inhaltlich
Staub an.
Den hat erst 2018 die neue Datenschutz-Grundverordnung aufgewirbelt:
Auf den Gruselseiten wimmelte es von Beiträgen mit personenbezogenen Daten wie
E-Mail-Adressen etc., was tun? Anstatt zeitaufwendig alles entsprechend
anzupassen, habe ich den Stecker gezogen.
Der Zustrom an entgeisterten Protesten war beträchtlich:
Obwohl auf den Gruselseiten jahrelang praktisch nichts passiert war, schienen
sie nun zu fehlen. Andererseits waren sie im Internet Archive konserviert, also
war am Aus erst mal nicht zu rütteln.
Ingo
Löchel: Was fasziniert Dich persönlich an der Horror-Hörspielserie von H. G.Francis?
Sven
Haarmann: Wer gepflegte Gespenstergeschichten goutiert, aber bei Horror, Splatter
und ähnlichem Zeug ziemlich zügig abschaltet, weiß zu schätzen, dass die
Gruselserie gewisse Grenzen respektiert.
Die Gruselserie zählt außerdem zu jenen kommerziellen
Hörspielen, die im Tonstudio EUROPA in einer faszinierenden Hochphase
entstanden sind: Das Fließband muss mit enorm hoher Taktung gerattert haben und
doch ist das ehrliche, routinierte Handwerk dahinter jederzeit zu spüren.
Sowohl auf Hans Gerhard Franciskowskys Schreibmaschine
als auch am Regiepult und natürlich hinter den Mikrofonen, wo sich ausgebildete
oder in Ausbildung befindliche Schauspielerinnen und Schauspieler meistens nur
eine schnelle Mark verdienten mit Rollen und Sätzen, die sie vermutlich sofort
wieder vergaßen oder verdrängten - aber sie haben es nicht runtergerotzt,
sondern immer solide abgeliefert, zuweilen sogar mehr als das.
Nachdem Heikedine Körting, Hella von der Osten-Sacken und
die anderen im Team die Dialoge hintereinandergeschnitten und mit Geräuschen
und genialer Gebrauchsmusik kombiniert hatten, passte einfach sehr vieles,
bisweilen sogar alles zusammen - so wirkt es damals wie heute.
Richtig faszinierend wurde es irgendwann in den
1990er-Jahren, als ich noch völlig ohne Internet aus einer Laune heraus in
Erfahrung bringen wollte, ob es dieses in "Der Pakt mit dem Teufel"
so zentrale Schloss Moosham wirklich gibt, und es tatsächlich nach ein wenig
Recherche in einigen Reiseführern entdeckte, mitsamt Andeutungen zu gewissen
lokalen Sagen...
Das war die eigentliche Faszination: was sich alles aus
dieser kleinen Hörspielserie herausholen und zusammentragen lässt!
Du kannst jede Folge unheimlich oder unheimlich albern finden, aber du kannst sie ebenso auf kleine oder große Fehlerchen und Ungereimtheiten abklopfen, die gesamte Serie mit satirischer Akribie bis ins absurdeste Detail enzyklopädisieren, tiefgründig zu den realen bzw. geschichtlichen und literarischen Hintergründen forschen, die am kreativen Prozess Beteiligten beim Klauen erwischen, nur scheinbar identischen Auflagen ebenso wie unterschiedlichen Schnittfassungen auf die Schliche kommen und letztlich versuchen, alles miteinander zu kombinieren, so dass eine historische Rekonstruktion des Produktionsablaufs entsteht.
nd immer wenn du meinst, so
langsam sei alles beisammen, kommt ein neues Puzzleteil dazu und muss noch
irgendwo rein. Die Gruselserie ist auf jeden Fall ein dankbarer
Forschungsgegenstand...
Ingo
Löchel: Hörst Du Dir die Folgen dieser Serie heute immer noch an?
Sven
Haarmann: Wir Kassettenkinder kennen unsere Hörspiele praktisch in- und auswendig,
so dass wir wissen oder zumindest ahnen, wann welches Wort in welcher Tonlage
und Betonung kommt, welches Geräusch erklingen und welche Musik gleich einsetzen
wird.
Weshalb die Gruselserie hier nicht in Dauerschleife läuft. Manche Hörspiele hörst du immer wieder, bis es dir aus den Ohren rauskommt, manches erträgst du nur in wohldosierten Abständen.
Der letzte
Durchgang mit sämtlichen Folgen müsste dreieinhalb Jahre zurückliegen, als ich
mir alles nach mindestens ebensolanger Zeit wieder noch mal der Reihe nach
vornahm.
Dabei flackerte der alte Zauber unentwegt und mir fiel so
viel auf bzw. wieder ein: Die Gruselseiten waren wohl noch nicht auserzählt.
Also Ärmel hochgekrempelt, alle Inhalte DSGVO-konform durchgelüftet und wieder
online gestellt...
Ingo
Löchel: Wie kamst Du an die vielen interessanten Informationen zu der
Hörspiel-Serie und zu deren einzelnen Folgen? Hattest Du fleißige Helfer?
Sven
Haarmann: Anfangs, also zur Vorbereitung des Gastbeitrags zu den Schauplätzen, war
ich durchs Studium die Recherche in Bibliotheken längst gewohnt, da brauchte
ich noch kein Internet bzw. war online eh kaum was zu finden.
Also wurden Zettelkataloge und das Verzeichnis
Lieferbarer Bücher nach Literatur durchforstet, eine Lungauer Sagenforscherin
bekam Post und beim Tourismusverband in Tamsweg und auf Schloss Moosham
klingelte das Telefon - der Schlossherr zeigte sich überrascht, er kannte
"Der Pakt mit dem Teufel" gar nicht! Kaum war über den Uni-Server und
ein 56k-Modem der eigene vergleichsweise günstige Internetzugang
bewerkstelligt, konnte man nun auch auf virtuellem Wege immer wieder auf die
Suche gehen.
Und mit der Zeit meldeten sich viele treue Hörerinnen und
Hörer mit bemerkenswertem Engagement. Sie steuerten Fehlermeldungen,
Anmerkungen und Kommentare bei. Schon im ersten Jahr wurden mir aus dem Nichts
erste Transkriptionen mit Versionsvergleichen offeriert, im zweiten Jahr
startete der Gruselalmanach, als die Wikipedia noch nicht einmal gegründet war.
Im vergangenen Jahr wurde endlich die Schlosschronik (ein
früheres Gästebuch) reaktiviert, ihr Inhalt steht noch nicht in Gänze fest,
aber die Tonbandnotizen machen seit einem Jahr den Anfang. Hier sammeln wir
gnadenlos alles zu sämtlichen Tonträgern der Gruselserie.
Mir persönlich ist es völlig wurscht, ob meine Kassetten
ein schwarzes oder gelbes Gehäuse haben, ob sie geschraubt sind und welche
Matritzennummer in meine LPs eingeritzt wurde.
Aber in derlei Abweichungen und Varianten verstecken sich
Indizien zur Herstellung und zur Editionsgeschichte - diese Erbsen zu zählen,
lohnt auf jeden Fall.
Ingo
Löchel: Gibt es immer noch offene Fragen zu der Serie und deren Folgen, die bisher
noch nicht geklärt bzw. beantwortet werden konnten?
Sven
Haarmann: An dieser Stelle schöne Grüße an Señor Petersen - was da in "Das
Duell mit dem Vampir" alles gekürzt worden sein muss! Wir wissen es bis
heute nicht. Weniger rätselhaft erscheinen wiederum die Gründe für den
Produktionsstopp bzw. das komplette
Aus der Gruselserie, auch wenn oder gerade weil
neuerdings behauptet wird, ein gegen "Die Insel der Zombies"
gerichteter Indizierungsantrag habe der Gruselserie den Garaus gemacht. Das
kann einfach nicht stimmen. Wenn man genauer hinsieht und sich die historischen
Abläufe vergegenwärtigt, musste die Gruselserie ganz profan dem nächsten heißen
Scheiß weichen, weil jene Franchise-Kracher mehr Absatz versprachen.
Meiner bescheidenen Einschätzung nach hat "TKKG" 1982 der
Gruselserie jegliche Produktionskapazitäten im Tonstudio entzogen, so dass
vorerst keine Folge 19 mehr in Auftrag gegeben wurde - und zwei Jahre später
drängten die Masters of the Universe die Gruselserie vollends aus dem
Backkatalog und aus dem Kaufhausregal. Ansonsten weist praktisch jede Rubrik der
Gruselseiten noch offene Fragen und Lücken auf, manche Antworten schlummern
bereits in der Schublade.
Die Schauplatz-Rubrik wartet schon ewig auf ein Upgrade:
Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn der Staub dort noch lange liegenbliebe...
Ingo
Löchel: Können Dich Fans der Hörspiel-Serie in irgendeiner Weise unterstützen?
Sven Haarmann: Klar, sogar in mannigfaltiger Weise! Wer schon mal an einem der Schauplätze war, kann mir gerne Fotos und Eindrücke zukommen lassen.
Bei den
Tonbandnotizen fehlen noch etliche Tonträger, die vorerst per Symbolbild
vertreten sind - wir freuen uns über jede Zulieferung, unbekannte Unikate wie
Muster-LPs und Muster-MCs wären ein großer Gewinn.
Auch im Bilderzimmer sind noch Wände frei, schließlich
kennen wir die Vorlagen vieler Coverillustrationen noch nicht. Manchmal werde
ich zum Gruselalmanach gefragt, wieso da noch so viele Einträge fehlen - weil
sich bislang kaum jemand getraut hat, die ernsthaft-analytische, flott
parlierende und zugleich dezent durchgeknallte Schreibe des Almanachgründers
fortsetzen zu wollen.
In der neuen Folgenübersicht versuche ich so ziemlich
alles zum jeweiligen Hörspiel facettenreich zusammenzutragen (erwartungsgemäß
viel Text, aber der ist dann auch wirklich selbst geschrieben, hier stapft
keine künstliche Intelligenz umher) - wenn da etwas fehlt, einfach melden.
Feedback ist immer willkommen!
Ingo
Löchel: „Gruselseiten.de“ ist seit 27 Jahren online. Wie erklärst Du Dir den
Erfolg Deiner Seite?
Sven
Haarmann: Erfolg? Wie will man das messen? Social Media-Accounts sind nicht vorhanden,
so dass hier niemand in die Verlegenheit kommt, auf Abrufe, Likes oder Follower
zu schielen. Selbst der alte Besucherzähler wurde beim Neustart wegen
DSGVO-Bedenken erst mal eingefroren.
Um herauszufinden, wie viele auf den Gruselseiten
vorbeischauen, müsste ich sie wohl wieder vom Netz nehmen. Die Gruselseiten
sind unabhängig geblieben, ein nicht-kommerzielles Fanprojekt im ursprünglichen
Sinne, ohne PR-Geblubber und ohne Influencer-Zirkus. Nicht die Reichweite
zählt, sondern der Inhalt und der Erkenntnisgewinn.
Aber apropos Erfolg: Grundsätzlich wäre mein Eindruck,
dass die Gruselserie selbst an Renommee gewonnen hat und dass ihr inzwischen
weitaus mehr Wertschätzung entgegengebracht wird.
Überhaupt sind die alten Kinderhörspiele längst im Mainstream
angekommen und salonfähig geworden, sie gelten als Kulturgut und Heikedine
Körting wird im Feuilleton endlich jene Anerkennung zuteil, die sie zuvor schon
lange verdient gehabt hätte. Werden irgendwo die wichtigsten
EUROPA-Hörspielserien genannt, sind das meistens "Die drei ???", "TKKG", "Fünf
Freunde", "Hui Buh" sowie "Hanni und Nanni", gewissermaßen als die Big Five, die die
meiste Aufmerksamkeit einheimsen.
Die Gruselserie folgt gefühlt knapp dahinter, oder? 1998
galt sie noch als Nischenthema auf den billigen Rängen, im Laufe der Jahre
scheint sie sich vorne in der zweiten Reihe eingenistet zu haben.
Es ähnelt ein bisschen der herablassenden Begründung,
warum man(n) sich aufs generische Maskulinum beschränkt: Die Gruselserie ist
bei Aufzählungen der EUROPA-Hörspielklassiker immer "mitgemeint",
aber eben doch nur selten sichtbar. Gelegentlich aber eben doch. Wie oft hat
Bastian Pastewka im Kein Mucks!-Podcast in den Zusatzinfos bereits Hörspiele
der Gruselserie erwähnt?
Vor kurzem meinte jemand mal zu mir, dass die Art und
Weise, mit der die Gruselserie auf den Gruselseiten unter die Lupe, aufs Korn
und auf die Schippe genommen wird, eine Auszeichnung sei, die auf die Hörspiele
zurückstrahle - und so sei das gestiegene Ansehen der Gruselserie vielleicht auch
darauf zurückzuführen, dass ihr frühzeitig ein virtuelles Forschungsinstitut
gewidmet wurde, das nach mehr als 25 Jahren immer noch freien Zutritt gewährt.
Aber gut, das kann und möchte ich jetzt wirklich nicht beurteilen...
Ingo
Löchel: Kam es irgendwann zu einem persönlichen Kontakt mit dem Autor H. G.
Francis, der im Jahr 2011 verstarb?
Sven
Haarmann: Jein, ich habe ihn einmal angerufen, um etwas aus seinem eigenen Verlag zu
bestellen, da gab es die Gruselseiten aber noch nicht. Dennoch hatte ich die
Gelegenheit genutzt, ihn eines zu fragen: ob die Gruselserie nicht doch
irgendwie auch in schriftlicher Form erschienen war.
Das verneinte er, erwähnte dabei jedoch, dass es durchaus mal Gespräche in diese Richtung gab, aus denen dann aber nichts geworden sei. Zunächst dachte ich, damit seien Romanhefte gemeint.
Heutzutage würde ich wetten, dass Anfang der 1980er Jahre
beim Franz Schneider Verlag darüber nachgedacht wurde, analog zu Commander
Perkins und Detektiv Clipper auch die Gruselserie zu drucken ... allein die Vorstellung:
grün- und pinkfarbene Schneiderbücher, womöglich sogar mit exklusiven
Geschichten!
Seitdem es die Gruselseiten gab, habe ich es irgendwie
nie fertiggebracht, mich bei ihm zu melden. Auch nicht, als ich mal erfuhr,
dass er von den Gruselseiten wusste. Er hatte mich in Ruhe gelassen, also
glaubte ich, ihn auch in Ruhe lassen zu sollen.
War vielleicht ein Fehler. Ganz bestimmt sogar. Er ist
leider viel zu früh von uns gegangen und hätte uns heute sicherlich noch vieles
zu erzählen...
Ingo
Löchel: Sven, vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.
Sven Haarmann: "Ja, aber natürlich, gerne doch!" (... welche Folge?)

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen