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Sonntag, 30. August 2026

Ein Interview mit Sven Haarmann von „gruselseiten.de“

Ingo Löchel: Sven, kannst Du den Lesern des Online-Magazins kurz etwas zu Deiner Person erzählen?

Sven Haarmann: Hier sitzt und schreibt ein klassisches Kassettenkind, mit ursprünglichem Hauptwohnsitz in Rocky Beach, also einem ausgeprägten Faible für die drei ???, selbstverständlich auch für andere Hörspiele, seit Beginn der 1980er-Jahre.

H. G. Francis' Gruselserie habe ich lustigerweise erst Ende 1987 und Anfang 1988 auf dem zweiten Bildungsweg in ihrer bunten GRUSEL-Neuausgabe kennengelernt - ohne einen blassen Schimmer, dass diese zehn Geschichten schon einmal in grün- und pinkfarbenem Gewand erschienen waren.

Bis mir ein Klassenkamerad einen alten EUROPA-Jugendkalender mit der Liste aller 18 Folgen unter die Nase hielt. Nur wenige Tage später gab es ein fröhliches Wiedersehen mit einem jahrelang verschollenen Freund, er besaß zufälligerweise "Das Duell mit dem Vampir" ... um mal den zur gleichen Zeit im westdeutschen Fernsehen startenden ALF zu zitieren: "Der Rest ist ein Blackout!"

Ingo Löchel: Wie kamst Du auf die Idee zu Deiner Seite „gruselseiten.de“?

Sven Haarmann: Das war zehn Jahre später, Anfang 1998. Dieses komische Internet wurde allmählich erreichbar und erschwinglich: Die allerersten Suchbegriffe im World Wide Web führten zur legendären "Rocky Beach Homepage" in Münster und zu "Svens Hörspiel-Welt", die älteste Hörspiel-Fanseite überhaupt.

So viele Infos zu so vielen Hörspielen! Sven Strickers Ansatz, sich mit dem vermeintlichen Kinderkram ohne nostalgische Verklärung auseinanderzusetzen, bereitete dank selbstironischem Augenzwinkern viel Vergnügen.

So kam die Idee auf, bei ihm mein bis dato in spärlichem Umfang angehäuftes Zusatzwissen zu den Schauplätzen der Gruselserie in einem Gastbeitrag unterzubringen. Kaum war er im November 1998 online, kamen neue Funde und weitere Bereiche nach und nach hinzu, zumal sich herausstellte, dass mein Gastbeitrag bald ohne Gastgeber dastehen würde, weil Sven ein erster Job in der Hörspielbranche winkte und er sich dazu durchringen musste, seine Seite zu schließen. 

Und da bei der Gruselserie noch mehr zu entdecken war, machten sich die Gruselseiten selbständig - nicht zum schlechtesten Zeitpunkt, denn genau in diesen Wochen sickerte die Nachricht von der "Rückkehr der Klassiker" durch und EUROPA veröffentlichte ab Mai 1999 neben "Perry Rhodan" auch die Gruselserie erneut auf MC und erstmals auf CD.

Die Gruselseiten wuchsen langsam weiter. Ihre Struktur und ihre Optik wurden hingegen sehr bald ganz bewusst nicht mehr verändert - sie sind auch heute noch ein simples Frameset mit Navigationsleiste ohne jeglichen Schnickschnack. So langsam setzten sie aber doch zusehends inhaltlich Staub an.

Den hat erst 2018 die neue Datenschutz-Grundverordnung aufgewirbelt: Auf den Gruselseiten wimmelte es von Beiträgen mit personenbezogenen Daten wie E-Mail-Adressen etc., was tun? Anstatt zeitaufwendig alles entsprechend anzupassen, habe ich den Stecker gezogen.

Der Zustrom an entgeisterten Protesten war beträchtlich: Obwohl auf den Gruselseiten jahrelang praktisch nichts passiert war, schienen sie nun zu fehlen. Andererseits waren sie im Internet Archive konserviert, also war am Aus erst mal nicht zu rütteln.

Ingo Löchel: Was fasziniert Dich persönlich an der Horror-Hörspielserie von H. G.Francis?

Sven Haarmann: Wer gepflegte Gespenstergeschichten goutiert, aber bei Horror, Splatter und ähnlichem Zeug ziemlich zügig abschaltet, weiß zu schätzen, dass die Gruselserie gewisse Grenzen respektiert.

Die Gruselserie zählt außerdem zu jenen kommerziellen Hörspielen, die im Tonstudio EUROPA in einer faszinierenden Hochphase entstanden sind: Das Fließband muss mit enorm hoher Taktung gerattert haben und doch ist das ehrliche, routinierte Handwerk dahinter jederzeit zu spüren.

Sowohl auf Hans Gerhard Franciskowskys Schreibmaschine als auch am Regiepult und natürlich hinter den Mikrofonen, wo sich ausgebildete oder in Ausbildung befindliche Schauspielerinnen und Schauspieler meistens nur eine schnelle Mark verdienten mit Rollen und Sätzen, die sie vermutlich sofort wieder vergaßen oder verdrängten - aber sie haben es nicht runtergerotzt, sondern immer solide abgeliefert, zuweilen sogar mehr als das.

Nachdem Heikedine Körting, Hella von der Osten-Sacken und die anderen im Team die Dialoge hintereinandergeschnitten und mit Geräuschen und genialer Gebrauchsmusik kombiniert hatten, passte einfach sehr vieles, bisweilen sogar alles zusammen - so wirkt es damals wie heute.

Richtig faszinierend wurde es irgendwann in den 1990er-Jahren, als ich noch völlig ohne Internet aus einer Laune heraus in Erfahrung bringen wollte, ob es dieses in "Der Pakt mit dem Teufel" so zentrale Schloss Moosham wirklich gibt, und es tatsächlich nach ein wenig Recherche in einigen Reiseführern entdeckte, mitsamt Andeutungen zu gewissen lokalen Sagen...

Das war die eigentliche Faszination: was sich alles aus dieser kleinen Hörspielserie herausholen und zusammentragen lässt!

Du kannst jede Folge unheimlich oder unheimlich albern finden, aber du kannst sie ebenso auf kleine oder große Fehlerchen und Ungereimtheiten abklopfen, die gesamte Serie mit satirischer Akribie bis ins absurdeste Detail enzyklopädisieren, tiefgründig zu den realen bzw. geschichtlichen und literarischen Hintergründen forschen, die am kreativen Prozess Beteiligten beim Klauen erwischen, nur scheinbar identischen Auflagen ebenso wie unterschiedlichen Schnittfassungen auf die Schliche kommen und letztlich versuchen, alles miteinander zu kombinieren, so dass eine historische Rekonstruktion des Produktionsablaufs entsteht. 

nd immer wenn du meinst, so langsam sei alles beisammen, kommt ein neues Puzzleteil dazu und muss noch irgendwo rein. Die Gruselserie ist auf jeden Fall ein dankbarer Forschungsgegenstand...

Ingo Löchel: Hörst Du Dir die Folgen dieser Serie heute immer noch an?

Sven Haarmann: Wir Kassettenkinder kennen unsere Hörspiele praktisch in- und auswendig, so dass wir wissen oder zumindest ahnen, wann welches Wort in welcher Tonlage und Betonung kommt, welches Geräusch erklingen und welche Musik gleich einsetzen wird.

Weshalb die Gruselserie hier nicht in Dauerschleife läuft. Manche Hörspiele hörst du immer wieder, bis es dir aus den Ohren rauskommt, manches erträgst du nur in wohldosierten Abständen. 

Der letzte Durchgang mit sämtlichen Folgen müsste dreieinhalb Jahre zurückliegen, als ich mir alles nach mindestens ebensolanger Zeit wieder noch mal der Reihe nach vornahm.

Dabei flackerte der alte Zauber unentwegt und mir fiel so viel auf bzw. wieder ein: Die Gruselseiten waren wohl noch nicht auserzählt. Also Ärmel hochgekrempelt, alle Inhalte DSGVO-konform durchgelüftet und wieder online gestellt...

Ingo Löchel: Wie kamst Du an die vielen interessanten Informationen zu der Hörspiel-Serie und zu deren einzelnen Folgen? Hattest Du fleißige Helfer?

Sven Haarmann: Anfangs, also zur Vorbereitung des Gastbeitrags zu den Schauplätzen, war ich durchs Studium die Recherche in Bibliotheken längst gewohnt, da brauchte ich noch kein Internet bzw. war online eh kaum was zu finden.

Also wurden Zettelkataloge und das Verzeichnis Lieferbarer Bücher nach Literatur durchforstet, eine Lungauer Sagenforscherin bekam Post und beim Tourismusverband in Tamsweg und auf Schloss Moosham klingelte das Telefon - der Schlossherr zeigte sich überrascht, er kannte "Der Pakt mit dem Teufel" gar nicht! Kaum war über den Uni-Server und ein 56k-Modem der eigene vergleichsweise günstige Internetzugang bewerkstelligt, konnte man nun auch auf virtuellem Wege immer wieder auf die Suche gehen.

Und mit der Zeit meldeten sich viele treue Hörerinnen und Hörer mit bemerkenswertem Engagement. Sie steuerten Fehlermeldungen, Anmerkungen und Kommentare bei. Schon im ersten Jahr wurden mir aus dem Nichts erste Transkriptionen mit Versionsvergleichen offeriert, im zweiten Jahr startete der Gruselalmanach, als die Wikipedia noch nicht einmal gegründet war.

Im vergangenen Jahr wurde endlich die Schlosschronik (ein früheres Gästebuch) reaktiviert, ihr Inhalt steht noch nicht in Gänze fest, aber die Tonbandnotizen machen seit einem Jahr den Anfang. Hier sammeln wir gnadenlos alles zu sämtlichen Tonträgern der Gruselserie.

Mir persönlich ist es völlig wurscht, ob meine Kassetten ein schwarzes oder gelbes Gehäuse haben, ob sie geschraubt sind und welche Matritzennummer in meine LPs eingeritzt wurde.

Aber in derlei Abweichungen und Varianten verstecken sich Indizien zur Herstellung und zur Editionsgeschichte - diese Erbsen zu zählen, lohnt auf jeden Fall.

Ingo Löchel: Gibt es immer noch offene Fragen zu der Serie und deren Folgen, die bisher noch nicht geklärt bzw. beantwortet werden konnten?

Sven Haarmann: An dieser Stelle schöne Grüße an Señor Petersen - was da in "Das Duell mit dem Vampir" alles gekürzt worden sein muss! Wir wissen es bis heute nicht. Weniger rätselhaft erscheinen wiederum die Gründe für den Produktionsstopp bzw. das komplette

Aus der Gruselserie, auch wenn oder gerade weil neuerdings behauptet wird, ein gegen "Die Insel der Zombies" gerichteter Indizierungsantrag habe der Gruselserie den Garaus gemacht. Das kann einfach nicht stimmen. Wenn man genauer hinsieht und sich die historischen Abläufe vergegenwärtigt, musste die Gruselserie ganz profan dem nächsten heißen Scheiß weichen, weil jene Franchise-Kracher mehr Absatz versprachen.

Meiner bescheidenen Einschätzung nach hat "TKKG" 1982 der Gruselserie jegliche Produktionskapazitäten im Tonstudio entzogen, so dass vorerst keine Folge 19 mehr in Auftrag gegeben wurde - und zwei Jahre später drängten die Masters of the Universe die Gruselserie vollends aus dem Backkatalog und aus dem Kaufhausregal. Ansonsten weist praktisch jede Rubrik der Gruselseiten noch offene Fragen und Lücken auf, manche Antworten schlummern bereits in der Schublade.

Die Schauplatz-Rubrik wartet schon ewig auf ein Upgrade: Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn der Staub dort noch lange liegenbliebe...

Ingo Löchel: Können Dich Fans der Hörspiel-Serie in irgendeiner Weise unterstützen?

Sven Haarmann: Klar, sogar in mannigfaltiger Weise! Wer schon mal an einem der Schauplätze war, kann mir gerne Fotos und Eindrücke zukommen lassen. 

Bei den Tonbandnotizen fehlen noch etliche Tonträger, die vorerst per Symbolbild vertreten sind - wir freuen uns über jede Zulieferung, unbekannte Unikate wie Muster-LPs und Muster-MCs wären ein großer Gewinn.

Auch im Bilderzimmer sind noch Wände frei, schließlich kennen wir die Vorlagen vieler Coverillustrationen noch nicht. Manchmal werde ich zum Gruselalmanach gefragt, wieso da noch so viele Einträge fehlen - weil sich bislang kaum jemand getraut hat, die ernsthaft-analytische, flott parlierende und zugleich dezent durchgeknallte Schreibe des Almanachgründers fortsetzen zu wollen.

In der neuen Folgenübersicht versuche ich so ziemlich alles zum jeweiligen Hörspiel facettenreich zusammenzutragen (erwartungsgemäß viel Text, aber der ist dann auch wirklich selbst geschrieben, hier stapft keine künstliche Intelligenz umher) - wenn da etwas fehlt, einfach melden. Feedback ist immer willkommen!

Ingo Löchel: „Gruselseiten.de“ ist seit 27 Jahren online. Wie erklärst Du Dir den Erfolg Deiner Seite?

Sven Haarmann: Erfolg? Wie will man das messen? Social Media-Accounts sind nicht vorhanden, so dass hier niemand in die Verlegenheit kommt, auf Abrufe, Likes oder Follower zu schielen. Selbst der alte Besucherzähler wurde beim Neustart wegen DSGVO-Bedenken erst mal eingefroren.

Um herauszufinden, wie viele auf den Gruselseiten vorbeischauen, müsste ich sie wohl wieder vom Netz nehmen. Die Gruselseiten sind unabhängig geblieben, ein nicht-kommerzielles Fanprojekt im ursprünglichen Sinne, ohne PR-Geblubber und ohne Influencer-Zirkus. Nicht die Reichweite zählt, sondern der Inhalt und der Erkenntnisgewinn.

Aber apropos Erfolg: Grundsätzlich wäre mein Eindruck, dass die Gruselserie selbst an Renommee gewonnen hat und dass ihr inzwischen weitaus mehr Wertschätzung entgegengebracht wird.

Überhaupt sind die alten Kinderhörspiele längst im Mainstream angekommen und salonfähig geworden, sie gelten als Kulturgut und Heikedine Körting wird im Feuilleton endlich jene Anerkennung zuteil, die sie zuvor schon lange verdient gehabt hätte. Werden irgendwo die wichtigsten EUROPA-Hörspielserien genannt, sind das meistens "Die drei ???", "TKKG", "Fünf Freunde", "Hui Buh" sowie "Hanni und Nanni", gewissermaßen als die Big Five, die die meiste Aufmerksamkeit einheimsen.

Die Gruselserie folgt gefühlt knapp dahinter, oder? 1998 galt sie noch als Nischenthema auf den billigen Rängen, im Laufe der Jahre scheint sie sich vorne in der zweiten Reihe eingenistet zu haben.

Es ähnelt ein bisschen der herablassenden Begründung, warum man(n) sich aufs generische Maskulinum beschränkt: Die Gruselserie ist bei Aufzählungen der EUROPA-Hörspielklassiker immer "mitgemeint", aber eben doch nur selten sichtbar. Gelegentlich aber eben doch. Wie oft hat Bastian Pastewka im Kein Mucks!-Podcast in den Zusatzinfos bereits Hörspiele der Gruselserie erwähnt?

Vor kurzem meinte jemand mal zu mir, dass die Art und Weise, mit der die Gruselserie auf den Gruselseiten unter die Lupe, aufs Korn und auf die Schippe genommen wird, eine Auszeichnung sei, die auf die Hörspiele zurückstrahle - und so sei das gestiegene Ansehen der Gruselserie vielleicht auch darauf zurückzuführen, dass ihr frühzeitig ein virtuelles Forschungsinstitut gewidmet wurde, das nach mehr als 25 Jahren immer noch freien Zutritt gewährt. Aber gut, das kann und möchte ich jetzt wirklich nicht beurteilen...

Ingo Löchel: Kam es irgendwann zu einem persönlichen Kontakt mit dem Autor H. G. Francis, der im Jahr 2011 verstarb?

Sven Haarmann: Jein, ich habe ihn einmal angerufen, um etwas aus seinem eigenen Verlag zu bestellen, da gab es die Gruselseiten aber noch nicht. Dennoch hatte ich die Gelegenheit genutzt, ihn eines zu fragen: ob die Gruselserie nicht doch irgendwie auch in schriftlicher Form erschienen war.

Das verneinte er, erwähnte dabei jedoch, dass es durchaus mal Gespräche in diese Richtung gab, aus denen dann aber nichts geworden sei. Zunächst dachte ich, damit seien Romanhefte gemeint.

Heutzutage würde ich wetten, dass Anfang der 1980er Jahre beim Franz Schneider Verlag darüber nachgedacht wurde, analog zu Commander Perkins und Detektiv Clipper auch die Gruselserie zu drucken ... allein die Vorstellung: grün- und pinkfarbene Schneiderbücher, womöglich sogar mit exklusiven Geschichten! 

Seitdem es die Gruselseiten gab, habe ich es irgendwie nie fertiggebracht, mich bei ihm zu melden. Auch nicht, als ich mal erfuhr, dass er von den Gruselseiten wusste. Er hatte mich in Ruhe gelassen, also glaubte ich, ihn auch in Ruhe lassen zu sollen.

War vielleicht ein Fehler. Ganz bestimmt sogar. Er ist leider viel zu früh von uns gegangen und hätte uns heute sicherlich noch vieles zu erzählen...

Ingo Löchel: Sven, vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.

Sven Haarmann: "Ja, aber natürlich, gerne doch!" (... welche Folge?)

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