Der Prophet und der Einsame
von Stefan Robijn
"Bei allen Göttern, Notredame, hat er vor, mich
umzubringen?"
Wutentbrannt sprang der König von seinem Thron auf und
blickte mich strafend an, wobei er seine feisten Arme in die Hüften stemmte.
Zum ersten mal,
seit mir die zweifelhafte Ehre zuteil geworden war, in die Dienste König Karl
des Neunten zu treten, musste ich erleben, wie Bestürzung in seiner meist von
absoluter Selbstbeherrschung geprägten Stimme mitschwang. Nicht einmal sein mir
schon vertrauter Sarkasmus war herauszuhören.
"Mein König, Ihr wisst, dass mir nichts ferner liegt, als Euch zu dieser Behandlung zu zwingen", brachte ich mühsam hervor.
"Ihr allein entscheidet, ob Ihr euch den Strapazen und Schmerzen
aussetzen wollt. Doch vergesst nicht, dass es nur zu Eurem eigenen Wohlergehen
geschieht."
"Ist er sicher, dass sich nicht zumindest der
Schmerz vermeiden ließe?" fragte
der König ungeduldig, wobei er sich seufzend auf sein längst plattgesessenes
Hinterteil zurücksinken ließ.
Wie jedes Mal, wenn ich den Thronsaal zu einer Routine -
Untersuchung aufsuchte, vermied er es, mir direkt in die Augen zu sehen. Wenn
er so dasaß und in die Luft starrte oder irgendeinen unbestimmten Punkt des
riesigen Raumes fixierte, während er mit mir sprach, erweckte er zuweilen den
Eindruck, als sei er blind oder als könnte er meinen Anblick nicht ertragen.
Dabei wusste ich natürlich, dass es in Wahrheit die schwere Bürde der Krone, aber auch seine ausgeprägte Eitelkeit waren, die einen längeren Blickkontakt nicht zuließen, gleichwohl ich am Hofe als Edelmann und Gast galt und nicht etwa wie ein Diener behandelt wurde.
"Ich fürchte, dass es dafür bereits zu spät ist,
Majestät. Der Backenzahn oben links ist bereits seit Monaten krank und die
Eiterbeulen, die sich in der Ruine des halb heraus gebrochenen Zahnes rechts
unten gebildet haben, sind ein deutliches Zeichen für eine Entzündung, die auf
den ganzen Körper übergreifen kann, wenn wir noch länger mit der Behandlung
warten."
"Dann frage ich ihn, warum er nicht schon längst
entsprechende Maßnahmen getroffen hat, bevor es überhaupt soweit kommen konnte.
Er weiß doch selbst, dass ich mir ein schlechtes Gebiss bei den kommenden
Festlichkeiten nicht leisten kann."
"Natürlich, Majestät."
"Dann unternehme er etwas, ohne groß an mir herum zu
brechen. Er weiß, wie sehr ich Schmerzen verabscheue. Nach den Festlichkeiten
darf er mir in Gottes Namen herausziehen, wonach ihm beliebt."
"Ich werde mein Bestes tun, Majestät."
Mit diesen Worten zog ich mich aus den kalten,
ungemütlichen Gefilden Karl des Neunten zurück, und machte mich auf den Weg in
meine privaten Gemächer, die sich im linken Außentrakt des Hofes, im Westflügel
des Palastes befanden.
Es handelte sich um einen über eine gewundene Steintreppe
zu erreichenden, turmähnlichen Anbau von so imposanter Größe und Höhe, dass er
neben den medizinischen Utensilien, die ich als Leibarzt des Königs benötigte,
auch meinen astronomischen Gerätschaften ausreichend Platz bot. Zudem befand er
sich weit genug vom zentralen Geschehen entfernt, um nicht auf jeden
ungebetenen Besucher einladend zu wirken.
Seit einiger Zeit jedoch gab es am Hofe des Königs eine
bestimmte Person, die - ganz im Gegenteil zu den neugierigen und schwatzhaften
Bediensteten - meine Gefilde eher mied und mir tunlichst aus dem Wege zu gehen
schien.
Dieser etwa 35 Jahre alte Mann, an dem vor allem die
schulterlange, weißblonde Haarpracht und die rötlichen, klugen Augen auffielen,
hatte sich bei unserer ersten und bisher letzten Begegnung als der persönliche
"Berater" des Königs vorgestellt und sich - trotz meiner allgemeinen
Popularität und meines mancherorts zweifelhaften Rufes als Mediziner - keinen
Deut um meine Person geschert.
Entweder wusste er also tatsächlich nicht, wer ich war, oder er wusste er es nur allzu gut, was noch beunruhigender wäre, hätte es doch bedeutet, dass ich es mit einem ernst zu nehmenden Rivalen am Hofe des Königs zu tun bekäme.
Da meine Pläne von immenser Bedeutung waren, und auf keinen Fall
durch störende Einflüsse behindert oder gar durchkreuzt werden durften, wäre
eine Solche Situation äußerst prekär.
Darüber hinaus war ich bei unserer ersten Begegnung von
einem Gefühl der Vertrautheit übermannt worden, welches ich seit Ewigkeiten
nicht mehr empfunden hatte.
Ich war mir plötzlich sicher, diesen Mann, dieses Wesen
zu kennen Zumindest jedoch seine mehr
als außergewöhnliche Herkunft. Dank meines beachtlichen Wissensschatzes und
einer Lebenserfahrung, die weit über terranische Verhältnisse hinausreichte,
konnte ich recht bald jeden Zweifel ausschließen. Zum ersten Mal, seit ich die
Identität Michel de Notredames, des weisen Nostradamus angenommen hatte, war
ich einem nichtirdischen Wesen begegnet. Einem Vertreter des weit entfernten
Sternenreiches der Arkoniden...
Armand Dupardingés nannte er sich, doch ich war beim
ersten Blick in seine unergründlichen Augen sicher, dass dies nicht sein
richtiger oder gar nur einer von sehr vielen Namen war, mit denen er sich zu
schmücken beliebte. Ich wusste, dass ich mich diesbezüglich auf mein Gefühl
verlassen konnte. Und ich fragte mich:
Was wollte er hier, am Hofe Karl des Neunten, was wollte
er hier - auf dem dritten Planeten dieses noch so jungen, noch so unbedeutenden
Sonnensystems?
War er hier, um meine Pläne zu vereiteln? Oder wusste er
tatsächlich nicht um meine wahre Identität?
Eines zumindest stand fest: Für mein Unternehmen auf
diesem Planeten konnte er eine akute Gefahr bedeuten. Er durfte nicht in eine
Entwicklung einbrechen, die so immens wichtig war, wichtig für die gesamte
Menschheit, in erster Linie jedoch für das Volk der Cynos.
Armand Dupardingés war trotz seiner höher gestellten
Position am Hofe des Königs ein rechter Weiberheld, der sich ob mangelnder
Zuwendung seitens der Hofdamen nicht zu beklagen brauchte.
Bei meinen allabendlichen Spaziergängen sah ich ihn
oftmals mit den schönsten der Schönen in irgendwelchen Mauernischen
herumlungern, wo er sich ganz und gar nicht so verhielt, als sei er tatsächlich
ein Gesandter eines anderen Sternenreiches.
Ich tat stets so, als würde ich ihn nicht bemerken, er
jedoch ließ keine Gelegenheit aus, mir rätselhafte Blicke zuzuwerfen, während
die üppigen Schönen an seiner Seite mit den Lippen an seinem Hals klebten.
Dann - ausgerechnet an jenem Tag, da ich dem König zum
wiederholten Male den Vorschlag einer subtilen, aber innovativen Neuerung
unterbreiten wollte, begann Armand tatsächlich meine Pläne zu durchkreuzen.
Pläne von langfristiger Wirkung, welche die Menschheit den Geheimnissen des
Universums einen winzigen Schritt weiter bringen und den Schlüssel zu den
Weiten des noch unerforschten Kosmos um ein ganzes Jahrhundert greifbarer
werden lassen sollten.
Auch wenn die Menschen der kommenden Jahrhunderte die
Auswirkungen der scheinbar völlig unbedeutenden Hilfeleistungen nicht zu spüren
bekommen würden, so war es doch unabdingbar, dass ich als Nostradamus diese
Hilfestellung gab. Ebenso wie noch weitere Vertreter meines Volkes es an
anderen Stellen des Planeten versuchten.
Taten wir es nicht, nicht in diesem und nicht im nächsten
Jahrhundert, so würde ein entscheidender kosmischer Ablauf nicht nur gebremst
werden, sondern womöglich gar nicht stattfinden. Die Terraner aber sollten
letztendlich maßgeblich am Ende der Karduuhlschen Schwarm - Herrschaft
beteiligt sein.
So stand es geschrieben, und damit dies zum richtigen
Zeitpunkt geschah, weilte ich, Imago II, in meiner Eigenschaft als weiser
Prophet auf Erden. Nur deshalb befasste ich mich von diesem scheinbar so
winzigen, unbedeutenden Planeten aus mit den Sternen, nur deshalb lenkte ich
die Geschicke der Menschheit in die richtigen Bahnen.
Armand Dupardingés jedoch schien in seiner Rolle als
Berater des Königs ebenfalls ein ganz bestimmtes Ziel zu verfolgen. Und ich
ahnte bereits, wie dieses Ziel aussah. Doch ich wollte es von ihm selbst
erfahren. Ohne natürlich meine Identität preiszugeben, denn das hätte womöglich
das Ende meiner Mission bedeutet.
Es war das erste mal, dass ein Mitglied der Königsriege
unaufgefordert die Gemächer des Nostradamus betrat. Ich befand mich gerade im
Einfluss einer kosmischen Eingebung, aus der ich einen meiner Vierzeiler zu
formen beabsichtigte, welcher den König in seinen künftigen Entscheidungen
positiv beeinflussen sollte, als ich spürte, dass ich nicht mehr allein im Raum
war. Abrupt drehte ich mich in Richtung des nur von einem derben Fell
verhangenen Eingangs um und sah mich der hochgewachsenen Gestalt Armand
Dupardingés gegenüber, der mich ohne jede Scheu herausfordernd anblickte.
"Was maßt Ihr Euch an, wie ein dahergelaufener Dieb
in mein Gemach einzudringen, Weißschopf?" empfing ich ihn verärgert. Ist es dort, wo
ihr herkommt üblich, unaufgefordert den Grund und Boden eines Fremden zu
betreten?
Wenn Armand Dupardingés eine gewisse Zweideutigkeit aus
meinen Worten herausgehört hatte, so verstand er es meisterhaft, dies nicht zu
zeigen. Stattdessen verbeugte er sich linkisch, ohne dabei sein süffisantes,
gönnerhaftes Grinsen zu unterdrücken und zog in übertriebener Gestik seine
Kappe, welche mit der meinen eine frappierende Ähnlichkeit aufwies.
"Ich wusste nicht, dass Ihr Besucher nur nach
vorheriger Absprache empfangt, Notredame. Ich kam mit der Absicht her, einen
Arzt zu konsultieren. Und das seid Ihr doch, oder nicht?"
Ich musterte ihn abschätzend. "Angesichts der Zeit,
die Ihr bereits innerhalb dieser Mauern zugebracht habt, müsstet Ihr eigentlich
wissen, dass ich als persönlicher Leibarzt des Königs fungiere und außer ihm
niemanden behandle.
Wenn Euch also ein Wehwehchen hier hinaufgeführt hat, so
muss ich Euch enttäuschen. Für das gemeine Personal bin ich nicht zuständig.
Und nun lasst mich bitte allein, ich habe zu arbeiten."
"Wie unschwer zu erkennen ist, hat diese Arbeit
jedoch weniger mit medizinischen Dingen zu tun", sagte Armand, wobei er,
statt meiner Aufforderung nachzukommen, langsam auf mich zutrat, "als
vielmehr mit den Sternen. Oder sollte ich mich da irren?"
"Ihr irrt höchstens, wenn Ihr denkt, dass Euch diese Tätigkeit etwas anginge. Ich muss Euch also nochmals auffordern, meine Räumlichkeiten zu verlassen, oder..."
"Oder... was? Wollen wir nicht aufhören, mit den
Spielchen? Wir wissen doch beide, dass es hier um mehr geht, als um die Wahrung
der Privatsphäre. Dass Eure Anwesenheit hier am Hofe weniger dem Wohle des
Königs zugetan ist, als eher den eigenen Zwecken dient."
Ich kniff die Augen zusammen. So war das also. Der
Arkonide - und dass es sich um einen solchen handelte, war mir nunmehr vollends
klar - wollte bereits Stellung beziehen, wobei mir jedoch seine Ziele noch
nicht ganz klar waren. Allerdings konnte er - trotz seiner im Vergleich zu den
Terranern kosmischen Größe - nicht wissen, wer ich wirklich war. Ich dagegen
war über ihn bereits im Bilde und ihm somit um einen entscheidenden Vorteil
voraus. Herausfordernd blickte ich ihn an.
"Nun - dass meine Arbeit nicht allein dem Wohle
eines Einzelnen dient, sollte jeder wissen, der meinen Namen kennt. Ich vermute
jedoch, dass sich vielmehr hinter Eurem Tun rein eigennützige Absichten
verbergen. Habe ich nicht recht?"
Der Weißschopf verschränkte die Arme vor der Brust.
"Wenn Ihr mein Anliegen, dem König sowohl in menschlichen, als auch in
politischen Belangen ein guter Berater zu sein als Egoismus bezeichnen wollt,
bitte. Mehr jedoch liegt nicht in meiner Absicht. Ich habe allerdings den
Verdacht, dass Eure...
Behandlungen nichts weiter als Augenwischerei sind. Und -
ganz offen gesagt, vermute ich auch, dass Euer wahres Ansinnen weit über die
Mauern dieses Schlosses hinausreicht. Habe ich nicht womöglich recht, wenn ich
behaupte, dass es sogar weit über die Grenzen dieses Sonnensystems
hinausgeht?"
Nun waren die Fronten abgesteckt, aber ich verspürte
dennoch nicht die geringste Lust, mich diesem Spion oder was immer er war, zu
offenbaren. Zuviel stand auf dem Spiel. Wer waren schon die Arkoniden?
Zumindest schloss mein Auftrag es aus, sie in dieser
Phase der Vorbereitungen mit einzubeziehen. Und das konnte nur bedeuten, dass
dieser streitsüchtige Weißschopf den großen Plan gefährdete, je weiter er mit
seinen Mutmaßungen Fortschritt und je mehr er dazu bereit war, mich in meinem
Tun zu stören.
"Es ist besser, wenn wir uns niemals wieder
begegnen", sagte ich. "zumindest innerhalb der Mauern dieses
Schlosses nicht."
"Das sehe ich genauso, und deshalb schlage ich vor,
dass Ihr Euch möglichst bald zurückzieht und mir in meiner Rolle als Berater
des Königs nicht länger Steine in den Weg legt."
"Ihr habt die Stirn, mich fortzuweisen?" fragte
ich, mühsam meinen Zorn unterdrückend.
"Allerdings. Wir wissen es doch beide, dass Ihr
nicht der seid, für den Euch jedermann hält, und ich könnte mir denken, dass
wir die Einzigen sind, die über dieses Wissen verfügen. Sollte das nicht auch
so bleiben?"
"Es wird so bleiben. Denn selbst wenn irgendjemand
am Hofe oder darüber hinaus auch nur einen Hauch der Wahrheit erfahren würde, so könnte er mit
dieser Wahrheit nichts anfangen. Er würde sie nicht einmal begreifen können.
Kein menschliches Wesen vermag das in dieser Zeit. Vermutlich nicht einmal ein
Arkonide!"
Damit hatte ich ihn geschockt. Zum ersten Mal konnte ich
beobachten, wie der Hochmut und die Siegesgewissheit aus seinen Augen
verschwanden und wie ein Anflug von Panik an ihre Stelle trat.
Doch nur für eine Sekunde. Dann hatte er sich wieder
gefangen. "Ihr sprecht mit fremder Zunge, Notredame. Einen solchen
Ausdruck habe ich nie zuvor gehört. Und selbst wenn Ihr mich damit tituliert.
Mit dieser Bezeichnung wird der gemeine Pöbel ebenso wenig anfangen können, wie
mit dem Wissen um Eure wahre Herkunft, wie auch immer sie aussehen mag."
Ich hob die Brauen. "Es ist zwecklos, auch nur zu
versuchen, Nachforschungen in dieser Richtung anzustellen, glaubt mir. Zwecklos
- und gefährlich. Und nun lasst mich allein. Ich habe zu arbeiten."
"Ich bleibe Euch auf den Fersen, Nostradamus. Also
seht Euch vor und haltet Euch mit Euren Prophezeiungen zurück. Es kann nicht
sein, dass Ihr die leichtgläubige Menschheit mit Euren billigen Tricks
womöglich in ganz falsche Bahnen lenkt."
"Falsch für wen?" fragte ich den Arkoniden.
"Für die Menschheit oder für Eure eigenen Ziele?"
Armand verzog das Gesicht und verließ meine Gemächer ohne
ein weiteres Wort.
In der darauf folgenden Nacht fand ich nur wenig Schlaf.
Im fahlen Licht des annähernd runden Mondes wälzte ich mich auf meinem
einfachen Lager unruhig hin und her, gemartert von den absonderlichsten
Träumen, wobei ich einen davon so lebhaft und detailliert erlebte, dass mir
bereits im Unterbewusstsein seine Bedeutung klar wurde.
Es konnte sich folglich nur um eine meiner nächtlichen
Visionen handeln, sozusagen um das Rohmaterial einer Weissagung, welche sich
mir zumeist im Traum offenbarten. Als ich schweißgebadet erwachte, machte ich
mich deshalb sofort daran, das eben erlebte niederzuschreiben, nachdem ich die
bleierne Müdigkeit, die mich in Morpheus´ Arme zurück zu zerren versuchte, mit
einigen heftigen Kopfbewegungen abgeschüttelt hatte.
Ich war erschüttert, über das, was mir im Traum gezeigt
worden war. Niemals zuvor hatte ich eine Vision wie diese erlebt. Nicht nur,
dass sie sich nicht allein auf die Geschicke der Menschen um mich herum
beschränkte, sondern in ihrer prophetischen Konsequenz von geradezu kosmischer
Bedeutung war, so bestürzte sie mich vor allem deshalb, weil ihre Erfüllung -
so ich denn keine Schritte einleiten würde, um das Schlimmste zu verhindern -
unmittelbar auf mein eigenes Wirken in den Mauern dieses Schlossen
zurückzuführen wäre!
Was ich gesehen hatte - oder was mir vielmehr irgendwo
aus den Weiten des Kosmos vermittelt worden war, hätte den endgültigen
Untergang meines Volkes bedeuten können; ausgelöst durch die Begegnung zwischen
mir und dem Arkoniden Armand Dupardingés am Hofe Karl des Neunten!
Nun endlich wusste ich, was er wirklich vorhatte: Er
wollte tatsächlich nichts weiter, als diesen Planeten auf dem schnellsten Wege
zu verlassen. Um dieses - im Vergleich zur Mission der Cynos - profane Ziel
möglichst vor der nächsten Jahrtausendwende zu erreichen, hätte er alles
versucht, den technischen Fortschritt der Erdenbewohner anzukurbeln, so dass
sein Endziel, die terranische Raumfahrt, ihn über die bislang noch
unüberwindbaren Grenzen dieses Sonnensystems hinaus, zurück nach Arkon bringen
würde.
Nachdem er dieses Vorhaben jedoch nun durch das
plötzliche Auftauchen eines zweiten außerirdischen Sendboten gefährdet sah,
würde er in Panik geraten und versuchen, den Fortschritt der Erdenbewohner
rapide zu beschleunigen, anstatt ihn wie bisher langsam und behutsam
anzukurbeln.
Laut meiner Vision hätte dies konkret bedeutet, dass
Armand Dupardingés in seiner von Angst beherrschten Hast bereits im 16.
Jahrhundert anfangen würde, die Entwicklung von Verbrennungsmotoren und diversen
anderen Antriebsarten in Gang zu setzen. Ein Fehler, der - einmal begangen -
nichts anderes als einen unkontrollierbaren Zickzackkurs im Verlauf der
menschlichen Geschichte bedeuten würde.
Und ich, Imago II, war verantwortlich dafür, dass sich Terraner
und Cynos niemals begegnen würden, weil ich darin versagt hatte, meine irdische
Identität vor dem Arkoniden Atlan, wie er sich wirklich nannte, geheim zu
halten. Weil er in mir eine Gefahr von kosmischer Größe zu sehen glaubte, den
unscheinbaren Vertreter einer klammheimlichen Invasion.
Unsere Begegnung konnte ich nicht mehr rückgängig machen,
trotzdem musste ich, um auch weiterhin im Sinne meines Volkes handeln und eine
Rückeroberung des Schwarmes vorbereiten zu können, sehr schnell reagieren. Es
schien nur eine Möglichkeit zu geben: Armand Dupardingés musste sterben!
Nach reiflicher Überlegung wurde mir jedoch klar, dass
ich den Arkoniden aus zweierlei Gründen gar nicht töten durfte. Zum einen ließ
es meine überaus friedfertige, gerechtigkeitsliebende Gesinnung nicht zu, ein
intelligentes Wesen zu töten, zum anderen hätte diese voreilige Korrektur
womöglich nur noch schlimmere Konsequenzen nach sich gezogen. Und wenn ich mir
während meines Aufenthaltes auf der Erde eines nicht leisten konnte, dann war
es ein Zeit-Paradoxon.
Wenn ich mit meinen Prophezeiungen für die Zukunft der
bis dato eher unscheinbaren Terraner nicht gänzlich falsch lag, würden es in
etwa 500 Jahren, genauer gesagt im Jahre 1971, ausgerechnet die Arkoniden sein,
die den Erdlingen das Tor zu den Sternen öffneten.
Mochten sie auch für uns Cynos relativ unwichtig sein, so
verhielt es sich nun einmal, und wenn dieses Prachtexemplar eines Arkoniden
dabei möglicherweise eine größere Rolle
zu spielen hatte, musste ich mir wohl etwas Besseres einfallen lassen, als ihn
- etwa in Gestalt einer hübschen Giftmischerin - einfach von dem Planeten zu
tilgen. Nur was? Gab es eine Möglichkeit, ihn von meinen guten Absichten zu
überzeugen, ohne dass ich dabei Verrat an meinem Volk beging?
Ich sah keine. Es stand zu viel auf dem Spiel, ich durfte ihn nicht einweihen!
Da fiel mir ein, dass der König seit einiger Zeit auf
einen neuen Vierzeiler von mir wartete, der ihm Aufschluss über die Zukunft
seines Regiments und sein persönliches Schicksal geben sollte.
Es wäre nicht das erste mal gewesen, dass ich mich dazu
hätte hinreißen lassen, ihm einen frei erfundenen Text vorzusetzen, da es mir
schlicht und ergreifend unmöglich war, seiner ständigen, unermüdlichen
Nachfrage nach möglichst positiven Prognosen zu entsprechen.
So begab ich mich also an mein Schreibpult und setzte
einen Vierzeiler auf, der in seiner Aussage ebenso unheilvoll wie undeutbar war
und der, ohne dass ich mir die Blöße gab, einen Namen zu nennen, den König vor
dem bösen Einfluss einer ganz bestimmten, ihm nahe stehenden Person warnte.
Es widerstrebte mir zwar, dass ich mich - zum ersten mal
seit meiner Ankunft auf dem Planeten Erde
eines Stilmittels bediente, das meiner Rasse nicht würdig war, dass ich
mich der Lüge und der Verleumdung hingab, dennoch händigte ich den Vierzeiler -
unmittelbar nach dem nächsten Hahnenschrei über einen Boten an den König aus.
Mochte Armand Dupardingés mich auch der Lüge oder des Verrats bezichtigen, so
war ich mir doch der Tatsache bewusst, dass ich nur im Wohle meine Volkes
gehandelt hatte.
Schließlich ging es um nichts geringeres als den
Fortbestand meiner Rasse. Der Arkonide befand sich zur falschen Zeit am
falschen Ort und musste verschwinden, bevor er noch misstrauischer wurde.
Womöglich hatte unser erstes Gespräch bereits den Stein des Verderbens ins Rollen
gebracht, aber vielleicht war es noch nicht zu spät, ihn aufzuhalten.
Einige Tage später betrat Armand zum zweiten Mal meine
Gefilde. Ich sah es seinem Gesicht an, dass er sich krampfhaft bemühte, die
Form zu wahren, und mir am liebsten an die Gurgel gesprungen wäre.
"Seid gegrüßt, Nostradamus. Ich hoffe, ich störe
Euch nicht bei der Beobachtung Eures Heimatsternes?"
Mit einem gequälten Lächeln wandte ich mich ihm zu.
"Ihr solltet Euch Euren Sarkasmus für bessere Zeiten
aufbewahren, Armand." erwiderte ich. "Ich hoffe doch, Ihr seid nicht
wieder gekommen, um mir zu drohen?"
"Ich kann mich keiner Drohung entsinnen. Allerdings
habt Ihr nicht ganz Unrecht, wenn Ihr mir vorwerft, dass ich Eure Anwesenheit
hier am Hofe mit Argwohn betrachte."
"Weshalb seid Ihr euch so sicher, dass ich dem König
schaden könnte? Soweit mir bekannt ist, hat er sich bislang nur selten über
meine Behandlungsmethoden beklagt. Was allerdings sein Gebiss betrifft... nun
aber Ihr seid sicher nicht hier, um belanglose Konversation zu betreiben."
"Ganz recht. Ich bin hier, um mich von Euch zu
verabschieden."
Ich tat, als sei ich bestürzt. "Ihr wollt das Feld
räumen? Nach allem, was Ihr mir angedroht habt? Nach all den... verzeiht,
Darbietungen, die Ihr dem König habt angedeihen lassen?"
Ich bemerkte, dass die merkwürdigen, rötlichen Augen des
Arkoniden feucht wurden, konnte mir diese Reaktion jedoch nicht so recht
erklären. Bei den Erdenbewohnern war dies meist ein Ausdruck von Trauer oder
Verzweiflung. Hatte Armand Dupardingés etwa aus Verzweiflung aufgegeben? Ich
konnte es mir nicht denken. Dann jedoch, als er weitersprach, wurde mir klar,
dass es ein Zeichen seiner Wut und Erregung war.
"In Euren Augen mögen es Darbietungen gewesen sein,
Notredame." sagte er gepresst. "Doch bevor ich Euch traf, bin ich
bereits vielen bedeutenden Erdenbewohnern begegnet. Wirklichen Erdenbewohnern
wohlgemerkt, die nicht vorgaben, eine berühmte Persönlichkeit zu verkörpern,
und stattdessen die Saat des Feindes aussäten.
Ich habe diese Menschen nach Kräften unterstützt und das
nicht nur aus reinem Eigennutz, wie Ihr es mir unterstellen wollt. Ich habe
Seite an Seite mit ihnen gekämpft, habe einen Großteil meines Lebens in ihren
Dienst gestellt und mein eigenes, bescheidenes Ziel immer
zurückgestellt..."
"Und was ist Euer Ziel, bei allen Göttern? Was
veranlasst Euch, Euer - allem Anschein nach unbegrenztes Leben auf diesem noch
so jungen, barbarischen Planeten zu verbringen?"
Ich fragte dies, obgleich ich die Antwort natürlich
kannte. Armand wandte zum ersten Mal den Blick ab. Dann sagte er ausweichend:
"Ich habe am Hofe Karl des Neunten alles in meiner
Macht stehende getan, im Sinne der Menschen zu agieren. Als mir klar wurde,
dass es außer mir noch einen anderen Vertreter von jenseits dieses
Sonnensystems gibt, wusste ich anfangs nicht so recht, wie ich mich verhalten
sollte.
Ich ahnte jedoch, dass Ihr Euren Vorteil nutzen würdet
und dass Ihr auch nicht vor Verleumdung zurückschrecken würdet. Allerdings wäre
mir auch ohne dies gewahr geworden, dass mein Wirkungskreis hier endet."
Er sah mich einen Moment lang auffordernd an, ich jedoch
sah keine Veranlassung, seiner Anklage zu widersprechen und ließ ihn
fortfahren.
"Mein Gemüt und mein Kampfgeist sagen mir im Grunde
etwas anderes, aber nach reiflicher Überlegung habe ich mich schließlich
entschlossen, vorerst in meine Basis zurückzukehren. Ich bin sicher, dass es
nur in Eurem eigenen Interesse sein kann, wenn über jedes zwischen uns
gesprochene Wort Stillschweigen gewahrt wird."
Ich war einigermaßen erstaunt, versuchte aber, es ihm
nicht zu zeigen. Seine Forderung bestätigte ich mit einem Nicken.
"Eure Entscheidung ist überaus weise, Armand. Ich
möchte, dass Ihr meine Hochachtung zur Kenntnis nehmt, dass Ihr einsichtig
geworden seid und..."
"Ich habe nicht gesagt, dass ich mich Eurer Gewalt beuge!"
unterbrach er mich unwirsch.
"Ich sagte lediglich, dass ich mich zurückziehe, was
nicht heißt, dass ich kapituliere. Ich bin mir darüber hinaus sicher, dass wir
uns eines Tages wieder begegnen werden."
Ich nickte bedächtig. "Wenn dieser Tag kommt, so
soll es unter anderen Umständen geschehen, als in dieser Zeit." sagte ich.
"Wir werden es sehen." erwiderte er. Dann
drehte er sich um und verschwand.
Als ich mich am nächsten Morgen nach ihm erkundigte, hieß
es, er sei unvermittelt aufgebrochen und habe den Palast und sogar das Land
verlassen. Der König war erleichtert, das sah ich ihm an, jedoch erwähnte er
mir gegenüber den Namen Armand Dupardingés nie mehr.
Erst viel später, lange nach unserer erneuten Übernahme
des Schwarmes, sollte ich erfahren, wer wirklich für seine abrupte Flucht verantwortlich
war. Ich erfuhr, dass die für diese Mächtigkeitsballung zuständige
Superintelligenz ES bereits vor der ersten wirklichen Begegnung mit uns Cynos
Kontakt mit den Terranern aufgenommen hatte. Im Auftrag dieser Superintelligenz
hatte Atlan während seines frühzeitlichen Aufenthaltes auf Terra bereits
unwissentlich gehandelt.
Da endlich wurde mir klar, dass nicht mein einnehmender
Charakter und mein ach so selbstsicheres Auftreten für seinen Rückzug
verantwortlich gewesen waren, sondern dass sich vielmehr ein Wesen in unsere -
für den Verlauf der kosmischen Geschichte äußerst bedrohliche -
Auseinandersetzung am Hofe Karl des Neunten eingeschaltet hatte, dem selbst ein
Imago II nichts entgegenzusetzen vermochte. Von diesem Tag an war der Arkonide
Atlan nie wieder in meinen Visionen aufgetaucht...
Ende
© by Stefan Robijn

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