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Sonntag, 22. März 2026

Ein Interview mit dem Krimi-Autor Volker Dützer

Ingo Löchel: Volker, am 4. September 2025 erschien mit dem Kriminalroman „DAS GEHEIMNIS VON ROWLSTONE“ der erste Band Deiner neuen Buch-Serie „Die rätselhaften Fälle von Cooper & Robinson“ im dp Verlag. Um was geht es darin?

Volker Dützer: Der Roman spielt im Jahr 1894 in London, einige Kapitel auch in Luxor, Ägypten.

Die junge Mary Robinson nimmt eine Anstellung als Krankenschwester im Haus des exzentrischen Lord Rowlstone an und verspricht sich einen geregelten Alltag. Doch nicht genug damit, dass sie die Launen des grantigen, alten Mannes ertragen muss

Der von der Suche nach dem Grab der ägyptischen Königin Teje besessene Lord schlägt die Warnungen seines Arztes in den Wind und reist in Marys Begleitung Hals über Kopf nach Luxor. Kurz nach seiner Ankunft verschwindet er spurlos.

Zurück in London steht Mary mittellos da. Das Blatt wendet sich, als sie überraschend erfährt, dass ihr der Lord sein Haus in der Regency Lane vermacht hat. Doch auch der Abenteurer John Cooper erhebt Anspruch auf das Erbe und behauptet, Rowlstones unehelicher Sohn zu sein. Bald verdichten sich die Hinweise, dass der Lord ermordet wurde.

Zum Ärger von Inspector Reginald Davies von der Metropolitan Police beschließen Mary und John, Rowlstones Mörder auf eigene Faust zu jagen. Dabei spielen ein alter Sarkophag, eine mysteriöse Vereinigung ägyptischer Nationalisten und der Schmuggel von Aktivitäten tragende Rollen.

In Mary reift die Idee heran, eine eigene Detektei zu gründen, doch dafür braucht sie die Unterstützung von Cooper und Rowlstones Butler Rufus Pendleton, der mehr zu wissen scheint, als er vorgibt. Das Trio muss in diesem ersten Band zu einem ungewöhnlichen, aber schlagkräftigen Team zusammenwachsen.

Und dann gibt’s natürlich noch einen hinterhältigen Schurken namens Cederic Fowley, der Mary das Erbe streitig machen will. Als Frau im ausgehenden 19. Jahrhundert hat sie alle Hände voll zu tun, sich zu behaupten. Sie gerät in einen Strudel aus Geheimnissen, Intrigen und tödlichen Gefahren.

Ingo Löchel: Wer genau sind die beiden Protagonisten des Romans bzw. Deiner neuen Buch-Serie?

Volker Dützer: Da ist zunächst einmal die Heldin der Serie: Mary April Robinson. Ihren Namen verdankt sie den Nonnen des Benediktinerinnenklosters in Battersea, denn Mary ist ein Findelkind. Sie wurde am 9. April, dem Namenstag von Maria, vor dem Tor der Abtei abgelegt. In einem der nächsten Bände werde ich das Geheimnis um ihre Geburt lüften.

Mary ist nicht auf den Mund gefallen und nicht für das Klosterleben geschaffen. Unentwegt probt sie den Aufstand, was auf ihren rebellischen und willensstarken Charakter schließen lässt.

Die Äbtissin ist daher erleichtert, als der dem Kloster wohlgesonnene Lord Rowlstone Mary als Pflegekraft einstellt. Obwohl der aufbrausende Lord sie jeden zweiten Tag hinauswirft und wieder einstellt, entwickelt sich ein starkes Band zwischen ihm und der eigensinnigen Mary.

Sie ist neugierig auf die Welt außerhalb des Klosters, will alles sehen und ausprobieren, aber zu Beginn der Handlung besitzt sie noch nicht den Mut dazu. Rowlstones unerwartetes Verschwinden ist der Beginn ihrer Heldenreise.

Da der Lord ihr sein Vermögen hinterlassen hat, fühlt sie sich verpflichtet, seinen Tod aufzuklären. Wenn ihr dabei nur nicht der Abenteurer John Cooper im Weg stünde, den sie in Rowlstones Ausgräbercamp in Luxor kennengelernt hat.

Mary ist von ihm fasziniert, denn Cooper hat jeden nur erdenklichen Winkel des Globus bereist – eine Erfahrung, von der Mary träumt. Doch der Weltenbummler erweist sich als notorischer Schwindler und Betrüger, der von einer unüberschaubaren Zahl an Gläubigern gejagt wird. Da behauptet er doch tatsächlich, Rowlstones unehelicher Sohn zu sein, und Beweise dafür kann er auch noch vorlegen!

So beziehen Mary und John, die einander anziehen wie Magnete und sich zugleich bei jeder Gelegenheit streiten wie Hund und Katze, die beiden Flügel des Hauses in der Londoner Regency Lane. Im Lauf der Handlung sprühen die Funken zwischen ihnen.

Es wird ein hartes Stück Arbeit, bis sie zu einem Team zusammenwachsen und einander vertrauen. In Cooper schlummern ungeahnte Talente, und auch Mary hat einiges zu bieten.

Zwischen ihnen steht Rowlstones Butler Rufus Pendleton, der heimlich sein eigenes Süppchen kocht und mehr als ein Geheimnis bewahrt. Hochnäsig und arrogant erscheinend, erweist er sich jedoch bald als treuer Helfer mit bemerkenswerten Fähigkeiten, die ich hier nicht verrate. Die drei unterschiedlichen Charaktere wachsen allmählich zu einem kongenialen Trio zusammen, das in Zukunft noch viele weitere Fälle lösen soll.

Ergänzt werden die Hauptfiguren von dem sauertöpfischen, von Migräne geplagten Inspector Reginald Davies der Metropolitan Police und dem adligen Sohn von Lord Rowlstones: Cederic Fowley. Er und seine intrigante Mutter haben nichts anderes im Sinn, als Mary das Erbe wieder abzujagen.

Ingo Löchel: Wie kamst Du auf die Idee zu dieser neuen Krimi-Serie? Und wieso eine historische Krimi-Buch-Reihe?

Volker Dützer: Ich habe so viele Thriller und Krimis geschrieben, die in der Gegenwart spielen, dass ich mich ein bisschen zu langweilen begann und nach Alternativen suchte.

Zum einen mag ich die Detektivgeschichten von Arthur Conan Doyle und Fernsehserien wie „Hooten & the Lady“ oder „Murdock Mysteries“ und die Romane von Jules Verne. Dazu kam, dass der dp Verlag Stoffe für den englischen Markt suchte, die in der viktorianischen Epoche spielen.

Ich hatte große Lust, mal etwas ganz anderes auszuprobieren, war jedoch auch skeptisch. Ehrlich gesagt, wusste ich nicht viel über das ausgehende 19. Jahrhundert. Als ich mit der Planung des Romans begann, wurde mir schnell klar, dass man als Autor eine Menge Detailwissen über das Alltagsleben des Jahres 1894 braucht, um überzeugend schreiben zu können.

Dank der Informationsfülle, die uns heute zur Verfügung steht, konnte ich meine Wissenslücken aber schnell schließen. Mit kam außerdem zugute, dass ich mich schon immer für Archäologie und die Geschichte des alten Ägypten interessiert hatte; und so drängte sich das Thema des Romans fast schon auf: Der Schmuggel ägyptischer Altertümer um die Jahrhundertwende.

Von da an fing ich Feuer, denn ich konnte jede Menge gruselige Elemente der englischen Schauerromane einbauen: Mumienpartys, Sarkophage und altägyptische Flüche. Herrlich! Die Rohfassung von „Das Geheimnis von Rowlstone“ entstand in 87 Tagen, das ist mein persönlicher Rekord. (Die berühmten 80 Tage um die Welt von Jules Verne habe ich damit nur um eine Woche verpasst.)

Es war äußerst erfrischend, zur Abwechslung eine Thrillerhandlung ohne Smartphones und DNA-Analysen schreiben zu können.

Ingo Löchel: Du schreibst die „Cooper & Robinson“-Romane unter dem Pseudonym Chris Chambers. Aus welchen Gründen?

Volker Dützer: Ich kam damit einem Wunsch des dp Verlags nach. Viktorianische Krimis verkaufen sich besser unter einem englischen Autorennamen. Außerdem bewege ich mich hier ja in einem ganz anderen Genre als dem, in dem ich normalerweise zu Hause bin, und so war die Idee naheliegend, ein Pseudonym zu benutzen. Ganz geflunkert ist der Name nicht, immerhin ist Christian mein zweiter Vorname.

Ingo Löchel: Deine alten „Funke & Stein“-Romane erlebten beim dp Verlag eine Neuauflage. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Verlag und zur Neuauflage Deiner Thriller?

Volker Dützer: Ich war 2019 bei einem großen Publikumsverlag unter Vertrag, fühlte mich dort allerdings nicht besonders wohl. Als ich ein neues Manuskript einreichte und der Verlag es nicht annahm, verschwand es zunächst in der Schublade.

Meine Agentin machte mir dann den Vorschlag, es damit bei dp zu versuchen. Ich hatte nichts zu verlieren und sagte: „Klar, warum nicht?“ Es war die beste Entscheidung meiner Autorenkarriere, das Angebot des dp Verlags anzunehmen, den Roman herauszubringen.

Das Buch war „Jenseits der Nacht“, ein Roman, mit dem ich zu meinen Wurzeln zurückgekehrt war und eine Geschichte im Stil von Dean Koontz und Stephen King erzählte. In der Rückschau sicher nicht mein bestes Werk, aber es öffnete mir die Tür zu dp.

Der Roman verkaufte sich auf Anhieb hervorragend und wurde seitdem zweimal neu aufgelegt. Er ist heute unter dem Titel „Die Klinik“ erhältlich.

Von dem Erfolg und der unglaublich tollen Marketingarbeit des Verlags angespornt, schrieb ich weitere Romane für dp, die alle sehr gut liefen. Nach und nach schaffte es meine Agentin, die Veröffentlichungsrechte meiner früheren Romane, die bei anderen Verlagen erschienen waren, zurückzuholen. Dp veröffentlichte alle sehr erfolgreich unter neuen Titeln.

Allein die Serie „Funke & Stein“ fristete im KBV-Verlag ein Schattendasein. Ich hatte immer vorgehabt, einen dritten Teil zu schreiben, aber es vergingen fast zehn Jahre, bis ich die Rechte zurückerhielt. Dp brachte die ersten beiden Bände sofort neu heraus und sie verkaufen sich so gut, dass im September der lang ersehnte dritte Band erscheinen wird, ein weiterer ist in Planung.

Für mich war es alles andere als leicht, nach der langen Zeit zu den Hauptfiguren zurückzukehren und dort anzuknüpfen, wo ich aufhören musste. Ich hoffe, es ist mir gelungen.

Ingo Löchel: Wer sind Protagonisten Funke und Stein?

Volker Dützer: Helen Stein ist eine toughe Ermittlerin, die zu Alleingängen neigt, tonnenweise Gummibärchen gegen den Stress isst, und ab und zu an sehr seltsamen Orten aufwacht, nur nicht in ihrem Bett. 

Ein altes Trauma macht ihr zu schaffen, denn sie war sechsunddreißig Stunden in der Gewalt eines Serienkillers. Sie pfeift gerne auf Regeln und Vorschriften und bringt sich allzu oft dadurch in Schwierigkeiten.

Ben Funke wandelt sich in den ersten beiden Romanen vom alkoholabhängigen Dorfpolizisten, der sich aufgegeben hat, zu einem ernsthaften Partner für Helen. Durch sie findet er ins Leben zurück, verliert jedoch durch eine Intrige seinen Job und verdingt sich nun im neuen dritten Band als Privatdetektiv. D

ie neuen Geschichten bieten ihm viele Gelegenheiten, Helen bei ihrer Arbeit zu unterstützen und sie aus dem ein oder anderen Schlamassel herauszuhauen. Eigentlich hatte ich schon vor zehn Jahren geplant, Funke sterben zu lassen und Helen stattdessen Jan Stettner, den Privatdetektiv aus „Die blinde Zeugin“, zur Seite zu stellen.

Stettner ist die erste Serienfigur, die ich ersonnen habe, und der Held meines allerersten Romans „Schattenjagd“. Da der Reihentitel allerdings „Funke & Stein“ heißt, war der Verlag von meiner Idee nicht begeistert, und so bleibt Ben Funke den Lesern (und Helen) erhalten.

Ingo Löchel: Wie viele „Funke & Stein“-Romane sind denn bisher erschienen?

Volker Dützer: Bisher gibt es zwei: „Stirb, mein Mädchen“ (alter Titel: Der Schacht) und Band 2: „Schlafe ein, mein Mädchen“ (alter Titel: Freier Fall).

Hier die Klappentexte von Teil 1:

Sechsunddreißig Stunden war die Koblenzer LKA-Profilerin Helen Stein in der Gewalt eines Serienmörders, der bereits ein Dutzend junger Frauen ermordet hat. Sie erwacht nackt und hilflos auf dem Parkplatz einer Autobahnraststätte. An die Zeit ihres Martyriums fehlt ihr jede Erinnerung.

Ihr Vorgesetzter verordnet ihr eine Auszeit in einer kleinen Polizeiinspektion im Westerwald. Doch nur wenige Stunden nach ihrer Ankunft wird sie bereits mit einer Mädchenleiche konfrontiert. Schnell wird klar, dass der Killer ihr gefolgt ist und nun ein perfides Spiel mit ihr treibt.

Ihre einzige Hilfe scheint der Dorfpolizist Funke zu sein, der sich nach dem Verschwinden seiner Tochter langsam zu Tode säuft. Das ungleiche Paar nimmt den scheinbar aussichtslosen Kampf gegen einen skrupellosen Gegner auf, der ihm stets einen Schritt voraus zu sein scheint.

Und Teil 2:

Ben Funke scheint sein Leben endlich wieder in den Griff zu bekommen. Aber als er am Morgen neben Carola aufwacht, der Frau, die ihm neue Hoffnung gibt, ist diese tot, erschossen mit seiner eigenen Dienstwaffe. Funkes Erinnerung an die zurückliegenden Stunden ist restlos ausgelöscht, aber eins ist sicher: Niemals hätte er seine Geliebte getötet!

Er wagt das Undenkbare und lässt die Leiche verschwinden. Auf eigene Faust begibt er sich auf die Suche nach dem Mörder. Dass ausgerechnet sein Intimfeind Kriminalrat Berthold Kain die Ermittlungen leitet, macht die Sache nicht eben leichter.

Auf die Hilfe von Profilerin Helen Stein kann er dieses Mal nicht hoffen, denn die Jagd nach einem Serientäter, auf dessen Konto sechs im Westerwald spurlos verschwundene junge Frauen gehen, fordert ihren vollen Einsatz. Von einem Moment auf den nächsten findet sich Funke in einem Albtraum wieder. Gejagt, verletzt und ohne Aussicht, seine Unschuld beweisen zu können.

Ingo Löchel: Derzeit ist ein weiterer „Funke & Stein“-Roman in Planung. Steht bereits ein Titel fest und worum wird es darin gehen?

Volker Dützer: Ein Titel steht noch nicht fest. Ich habe die Lücke von zehn Jahren zum letzten Teil überbrückt, indem Helen Stein nach Koblenz zurückkehrt und die Leitung der neuen Kriminalinspektion 2 übernimmt. Sie arbeitet wieder mit ihrem vertrauten Team zusammen, aber es tauchen auch alte Widersacher auf und machen ihr das Leben schwer.

Die Handlung knüpft an Teil 2 an. Helen hat es mit einem Serienmörder zu tun, der die Taten von Achim Veit, dem Antagonisten aus Band 2, nachzuahmen scheint. Sie wird mit ihrem alten Trauma konfrontiert und braucht die Unterstützung von Funke, der nun in einem ausrangierten Eisenbahnwaggon auf einem Schrottplatz im Koblenzer Rheinhafen lebt und als Privatdetektiv arbeitet.

Ingo Löchel: Nach dem neuen „Funke & Stein“-Roman folgt der zweite „Cooper & Robinson“-Roman. Kannst Du den Lesern des Online-Magazins schon etwas zum Buch verraten?

Volker Dützer: Ich muss alle Leser, die auf „Cooper & Robinson“ warten, vertrösten. Aus zwei Gründen: Da ich die Hoffnung aufgegeben hatte, die „Funke & Stein-Reihe“ weiterschreiben zu können, entwickelte ich für dp eine ganz neue Serie, nämlich die Krimis um Steve Cole, den Chief der Alderney Police, und dann eben „Cooper & Robinson“.

Durch die Neuauflage von „Funke & Stein“ stehe ich nun vor der stressigen Aufgabe, drei Serien gleichzeitig bedienen zu müssen. Auf Bitten des Verlags schreibe ich zunächst einen vierten Band für „Funke & Stein“, bevor ich mich dann wieder „Cooper & Robinson“ zuwenden.

Ein zweiter viktorianischer Krimi wird, so leid es mir tut, nicht vor Herbst 2027 erscheinen. Irgendwann muss ich ja auch mal schlafen. Und mein Lieblingsheld Steve Cole wartet ja auch noch auf eine Fortsetzung!

Ingo Löchel: Wie sieht es eigentlich derzeit im Krimi-Buch-Bereich aus? Wie ich gesehen habe, dominieren in diesem Bereich vor allem die so genannten Küsten-Krimis, Kriminalromane mit Tieren (Ermittler mit Hunden, Katzen, etc.), Cosy-Krimis, etc. Ist das nicht alles etwas eintönig?

Volker Dützer: Seufz. Ja, das ist es. (Dies ist allerdings meine persönliche Meinung.)

Seit Anfang 2025 setzen Verlage zur Prüfung von Manuskripteinsendungen KI ein, was ich für sehr problematisch halte. Die KI erhält zunächst den Auftrag, nach erfolgreichen und weit verbreiteten Genres zu suchen.

 Was verkauft sich am besten? Was sie findet, sind zum Beispiel Küstenkrimis, die an Nord- und Ostsee spielen. Also weisen die Verlage die KI an, die eingehenden Manuskripte nach diesen Merkmalen zu durchsuchen.

Das Ergebnis: Man veröffentlicht und pusht Küstenkrimis, dem Rest wird kaum eine Chance eingeräumt. Der Markt wird von Büchern überschwemmt, die einander immer ähnlicher werden, weil durch die Auslese eine Art Evolution, eine negative Rückkopplung einsetzt. Die Bandbreite der Literatur wird zusehends kleiner.

Zum einen kann ich verstehen, dass der finanzielle Druck die Verlage dazu zwingt, sich Trends anzuschließen, um das Risiko, einen Flop zu landen, gering zu halten.

Andererseits bleiben auf diese Weise viele gute Geschichten, die nicht in den Rahmen passen, unveröffentlicht – eine Tendenz, die ich sehr bedaure. Vielfalt geht verloren. Es bleibt die Frage, ob die Leser nicht doch irgendwann mal die Nase von Nord- und Ostseekrimis voll haben. Bisher scheint es nicht so zu sein.

Der Druck, Küstenkrimis zu schreiben, ist enorm hoch. Da ich jedoch immer mein eigenes Ding machen will, habe ich mit Steve Cole, der auf der Kanalinsel Alderney ermittelt, einen Kompromiss gefunden.

Ich habe mal geschworen, lieber das Telefonbuch von Wanne-Eickel abzuschreiben, als einen Nord/Ostseekrimi herauszubringen. Daran halte ich mich. Cosy-Crime ist nichts für mich – wenn man davon absieht, dass in „Cooper & Robinson“ ein gewisser schwarzer Humor nicht zu kurz kommt.

Ich lasse mich von den Zwängen des Marktes – so gut es geht – nicht beeinflussen, ganz frei machen kann ich mich davon nicht. Dp war der einzige Verlag, der Steve Cole und Alderney eine Chance gab.

Ich gestehe, ich überlegte eine Zeit lang, mich dem Trend doch noch anzuschließen und die neue Reihe irgendwo an der deutschen Küste anzusiedeln. Ich fand jedoch keinen weißen Fleck mehr auf der Krimilandkarte. Wahrscheinlich gibt es keinen Ort im Norden, an dem sich nicht mindestens drei Ermittlerteams auf die Füße treten. Nach der Veröffentlichung des ersten Steve Cole-Bandes „Die Flut“ bekam ich immerhin Zuschriften von Lesern, die erfreut waren, endlich einmal über ein anderes Setting zu lesen.

Klar muss ich bestimmte Genreerwartungen erfüllen, aber ich suche immer nach Wegen, zu schreiben, was mir gefällt. Anders könnte ich nicht arbeiten. Und so tauchen bestimmte Elemente in meinen Geschichten immer wieder auf.

Ich liebe nun mal alte Schwarzweißfilme über Spukhäuser, knarrende Türen und unheimliche Geräusche auf dem Dachboden. Schauplätze interessieren mich nur insoweit, wenn sie für die Handlung zwingend notwendig sind.

Sehr viel wichtiger sind für mich die Figuren. Meiner Meinung nach wollen Leser etwas über Menschen, ihre Gedanken, Träume, Probleme und wie sie damit umgehen, erfahren, und erst in zweiter Linie etwas über Straßennamen in der Holsteiner Schweiz. Ich mag mich irren, aber das ist nun mal meine Art, die Dinge anzugehen.

Ingo Löchel: Da scheint kein Platz für harte Privatdetektive oder hartgesottene Helden zu sein. Wie kommt das?

Volker Dützer: Eine gute Frage. Wenn man die Krimiserien im Fernsehen und auch in der Literatur betrachtet, bekommt man den Eindruck, dass vor allem Kommissare mit persönlichen Problemen und einem wie auch immer gearteten, seelischen Knacks gefragt sind; je bekloppter und ausgeflippter, desto besser.

Der hartgesottene Detektiv der hard boiled Krimis a la Raymond Chandler oder Dashiell Hammett scheint tatsächlich out zu sein. In meinem Thriller „Die Klinik“ hatte ich die Rolle des Ermittlers an Jan Wolzow vergeben, der ziemlich abgerissen und tough daherkommt.

Schon die Tatsache, dass er einen abgewetzten Parka trug, brachte mir herbe Kritik ein. Vergleiche mit der Figur des Tatortkommissars Horst Schimanski wurden sofort laut. Es scheint also tatsächlich nicht besonders gut zu funktionieren.

Authentische Kriminalromane sind immer vor dem Hintergrund der jeweiligen historischen Zeit angesiedelt, und die ist stets geprägt durch die Normen der Gesellschaft, das politische Klima usw.

Ein Detektiv, der während der großen Depression in Chicago ermittelt, wird einen anderen Charakter besitzen als ein Kommissar, der im beschaulichen Allgäu seiner Arbeit nachgeht. Wenn ich mir den Zustand unserer Welt anschaue, wundert es mich kaum, dass so viele Krimihelden mit Depressionen, psychischen Problemen und absonderlichen Eigenheiten ihr Unwesen treiben.

Vielleicht liegt hier aber auch der Grund für die Beliebtheit von Lokalkrimis verborgen. Die Menschen sehnen sich nach einem Stück Beschaulichkeit – was angesichts der zunehmenden Unsicherheit verständlich ist.

Dass der einsame Wolf, der nur seinem eigenen Moralkompass verpflichtet ist, aus der Mode gekommen ist, liegt vielleicht auch daran, dass unsere Welt komplexer geworden ist, und Geschichten andere Helden brauchen.

Der hartgesottene Detektiv, der in einer korrupten Umgebung im Sumpf des Verbrechens watet und als Idealbild individueller Moral daherkommt, war ein Wunschbild der amerikanischen Gesellschaft der 40er und 50er Jahre.

Spätestens seit den 70ern sind weibliche Ermittlerinnen immer präsenter geworden, weil sich die Rollenverteilung der Geschlechter verschoben hat. Gesellschaftliche Normen sind im Wandel begriffen, und somit auch die Darstellung von Romanhelden. Man braucht sich nur alte Filme anzuschauen.

Wie dort Männer auftreten und Frauen behandeln, ist heute zurecht ein absolutes No-go. Für mich bleibt die Figur des Ermittlers trotzdem weiterhin der „Dosenöffner der Gesellschaft“, wie es der türkische Krimiautor Celil Oker auf den Punkt gebracht hat. Nur bedient er sich eben anderer Mittel und geht anders vor.

Ingo Löchel: Was macht eigentlich Steve Cole? Kommt mit diesem Protagonisten auch noch ein neuer Roman?

Volker Dützer: Es wird noch einige Zeit dauern, aber ich werde die Reihe auf jeden Fall fortsetzen. Am liebsten sofort, aber ich kann leider nicht an drei Serien zugleich schreiben. Die Suppe habe ich mir selbst eingebrockt.

Ingo Löchel: Volker, vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.

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