Das Flimmern (Teil 4)
von Stefan Robijn
Howard
Während er den Wohnort der Zielperson recht schnell hatte
ausfindig machen können, war es schon etwas zeitaufwändiger gewesen, die genaue
Adresse herauszufinden.
Dass es sich schließlich um ein großes Mehrfamilienhaus
mit fast zwanzig Parteien handelte, war ihm dann natürlich entgegengekommen,
ebenso wie die Tatsache, dass in dem Haus gerade eine Wohnung frei geworden
war.
Da Howard zu diesem Zeitpunkt bereits ein paar hundert Dollar als Tagelöhner bei einem Bauunternehmen verdient hatte, das zum Glück mehr Wert auf Zuverlässigkeit als auf Papiere legte, konnte er die erste Miete sogar im Voraus bezahlen.
Der Typ von der Wohnungsgesellschaft war darüber so
glücklich (natürlich auch darüber, dass er die Wohnung nicht entrümpeln oder
renovieren musste), dass er Howard ohne großes Brimborium einen Mietvertrag in
die Hand drückte.
Den Kontakt zu der Zielperson herzustellen hatte sich
dann schon als schwieriger erwiesen, vor allem, weil er sich dem Jungen
natürlich nicht einfach so nähern konnte, sondern warten musste, bis dieser
sich ihm näherte.
Nachdem Howard hatte beobachten können, dass der Junge
offenbar ein Einzelgänger war, der nur selten das Haus verließ (was ihn in
keinster Weise überraschte), hatte er ihn ein paar mal mit einer zerfledderten
Ausgabe von Jack Londons “Ruf der Wildnis” im Garten sitzen sehen, also hatte
er sich irgendwann mit einer ebenfalls zerfledderten Ausgabe von “Herr der
Fliegen” auf die Nachbarbank gesetzt.
Dabei hatte er den Zeitpunkt abgepasst, an dem der Junge
meistens draußen saß, nämlich etwa eine Viertelstunde, bevor seine Mutter ein
Fenster öffnete und ihn zum Essen rein rief. Der Junge war ohne ein Wort des
Grußes an ihm vorbeigeschlendert, hatte aber einen kurzen Blick auf sein Buch
geworfen.
Als Howard zu ihm aufsah, hatte er schnell weggesehen,
sich auf die freie Bank gesetzt und zu lesen angefangen. Als seine Mutter ihn
reinrief, war er wieder an Howard vorbeigeschlendert, aber diesmal hatte Howard
nicht aufgesehen. Am nächsten Tag wiederholte sich das Spiel, mit dem
Unterschied, dass Howard diesmal die Taschenbuchausgabe von Stephen Kings
“Cujo” in der Hand hielt.
Als der Junge das bemerkte, blieb er stehen, legte den
Kopf schief und fragte Howard dann ganz schüchtern und leise, ob er den “Herrn
der Fliegen” schon durchgelesen hätte.
Howard tat zunächst überrascht, dann lachte er und erzählte dem Jungen, dass er das Buch schon etwa fünfmal gelesen hätte, und dass er nun vorhatte, “Cujo” eine zweite Chance zu geben, obwohl er glaubte, dass es einer der schlechtesten Romane Kings sei.
Der Junge hatte zuerst nur genickt, dann hatte er kurz
zum geschlossenen Küchenfenster hinaufgesehen und ihm erzählt, dass er noch nie
einen Roman von King gelesen hätte, weil seine Mom glaubte, das sei Schund.
Howard hatte ebenfalls genickt und ihm gesagt, dass seine
Mutter eine kluge Frau sei und er da auf keinen Fall widersprechen wolle, dass
man aber hin und wieder ruhig Schund lesen dürfe, solange man auch noch andere
Sachen las.
Der Junge hatte ihn nur angesehen und ihn dann nach dem
Herrn der Fliegen gefragt, worauf Howard ihm erzählt hatte, worum es in dem
Buch ging. Als irgendwann das Fenster über ihnen geöffnet wurde, hatte er dem
Jungen bereits versprochen, ihm das Buch unter der Voraussetzung, dass er
zuerst seine Mutter um Erlaubnis fragte, auszuleihen.
Diese war erwartungsgemäß wenig begeistert, als sie hörte, dass ihr Sohn sich mit dem “Neuen” unterhalten hatte und sich ein Buch von ihm ausleihen wollte, aber letzten Endes verhält es sich mit Büchern wie mit Musik: Sie haben ihre ganz eigene Magie.
Niemand würde einem
Kerl über den Weg trauen, der ein Kind auf der Straße oder aus einem Auto
heraus anspricht, aber ein Kerl der stundenlang unter einem Baum auf einer Bank
sitzt und ein Buch liest, scheint niemand zu sein, der etwas Böses im Schilde
führt.
Und im Grunde führte Howard ja auch nichts Böses im
Schilde, selbst wenn er nur vorgab, ein Buch zu lesen. Tatsächlich hatte er
sogar die Absicht, etwas Gutes zu tun. Allerdings wusste er noch nicht, wie
viele Opfer diese gute Tat letztlich fordern würde.
***
Jeremy
Etwa eine Woche nachdem Howard ihm das dicke Buch mit dem komischen Titel in die Hand gedrückt hatte, beschränkten sich Jerrys Fortschritte noch immer darauf, es einmal durchgeblättert und ein paar Seiten überflogen zu haben.
Er wusste immer noch nicht, warum er dieses ganz sicher
todlangweilige und für ihn völlig uninteressante Buch unbedingt lesen sollte,
aber immerhin wusste er nun in etwa, worum es ging und worum es sich bei dem
Fehler handelte, den die beiden Teenager in dem Buch machten.
Aber soweit er es nach seiner halbherzigen Inspektion
beurteilen konnte, schien es ziemlich lange zu dauern, bis es zu diesem Fehler
kam. Zu lange für seinen Geschmack. Eigentlich ging es auf den Seiten, die er
quergelesen hatte nur um die Hauptfigur, die in der Ichform aus ihrem Leben
erzählte, und obwohl Jerry die Ichform eigentlich mochte, fand er das
sterbenslangweilig.
Da er nicht glaubte, dass Howard ihm böse wäre, wenn er
ihm das Buch zurückgab und ihn um ein anderes, besser für ihn geeignetes bitten
würde, nahm er es eines Abends aus der Schublade heraus, stellte sich damit vor
die Wohnungstür seines Nachbarn und klingelte.
Während er auf das vertraute “Moment, ich komme!”
wartete, dachte er daran, dass er ihn die ganze letzte Woche über nicht ein
einziges Mal zu Gesicht bekommen hatte. Er war nach dem Abendessen ein paarmal
rübergegangen und hatte geklingelt aber Howard schien nicht da gewesen zu sein,
denn sonst hätte er ihm auf jeden Fall aufgemacht.
Und da er auch heute anscheinend nicht zu Hause war,
zuckte Jerry nach dem fünften Klingeln die Schultern, legte das Buch vor die
Wohnungstür (er glaubte nicht, dass jemand ein Buch mit einem so langweilig
klingenden Titel klauen würde) und ging nach Hause zurück.
Als das Buch am Abend des nächsten Tages noch immer auf
der Fußmatte vor der Tür lag, nahm er es seufzend wieder mit und legte es in
die Schublade seines Nachttischs zurück, mit der festen Absicht, es irgendwann
nochmal damit zu versuchen. Nicht weil er glaubte, dass ihn die Handlung dann
vielleicht interessieren würde, sondern weil er es Howard versprochen hatte.
#Andererseits fragte er sich so langsam, warum sein
Nachbar so lange wegblieb und vor allem, weshalb er sich nicht von ihm
verabschiedet hatte. War ihm am Ende vielleicht etwas passiert? Hatte er die
Wohnung etwa gar nicht verlassen, sondern lag schon seit Tagen bewusstlos oder
gar tot auf dem stinkenden alten Schlafzimmerteppich?
Je länger Jerry darüber nachdachte, desto mulmiger wurde ihm
zumute. Dann fiel ihm plötzlich ein, dass seine Mom noch einen Schlüssel für
die Wohnung hatte und er nahm sich vor, sie darum zu bitten oder selbst nach
dem rechten zu sehen, sollte Howard am nächsten Tag noch immer nicht auf sein
Klingeln reagieren.
Doch als er dann abends in seinem Bett lag, war das
mulmige Gefühl in seinem Magen noch so stark, dass er erst nach einer halben
Ewigkeit einschlafen konnte. Am nächsten Tag fragte er seine Mom direkt nach
der Schule und noch vor dem Abendessen nach dem Schlüssel und erzählte ihr von
seiner Befürchtung.
Zu seiner Überraschung überlegte seine Mutter gar nicht
lange, sondern kramte sofort den Schlüssel aus einer Küchenschublade heraus und
verließ in ihren Pantoffeln und mit bereits umgebundener Schürze die Wohnung.
Jerry lief nach kurzem Zögern hinter ihr her, blieb vor Howards Haustür kurz
stehen und folgte ihr, als sie keine Anstalten machte, ihn davon abzuhalten in
den schmalen Flur.
Schon dort schlug ihnen ein widerlicher Gestank entgegen,
so dass Jerry beinahe auf dem Absatz kehrt gemacht hätte, aber dann meinte
seine Mom, das wäre immer noch der alte Gestank von früher, nur dass
anscheinend schon länger nicht gelüftet worden wäre. Sie schauten im Eiltempo
in alle Räume hinein, auch ins Bad und sogar in die Abstellkammer, aber von
Howard fehlte jede Spur.
Wohin auch immer er verschwunden war, immerhin lag er
nicht tot im Bett oder in der Badewanne. Jerry atmete erleichtert auf und
wollte die Wohnung so schnell wie möglich wieder verlassen, aber seine Mom bestand
darauf, “wenigstens einmal kurz durchzulüften” und den Müll aus der Küche zu
entsorgen, der ihrer Meinung nach mitverantwortlich für den Gestank war.
Letzteres wurde natürlich Jerry übertragen, dem es überhaupt nicht behagte,
dass sie sich während Howards Abwesenheit länger hier aufhielten als unbedingt
nötig.
Mit äußerstem Widerwillen trat er auf das kleine Pedal
des Mülleimers neben der Spüle und verzog angewidert das Gesicht, als der
Deckel sich öffnete, wie das Maul eines stinkenden kleinen Kobolds.
Er bückte sich, um den Beutel herauszufischen und so
schnell wie möglich zuzubinden, doch als sein Blick dann unweigerlich auf den
Inhalt fiel, sah er zwischen den verschimmelten Kaffeefiltern, Apfelschalen und
Essensresten etwas liegen, das ihm irgendwie bekannt vorkam.
Es war ein halb zusammengeknülltes Stück Papier, das von
der Form und Größe her wie eine Taschenbuchseite aussah. Mit spitzen Fingern
zog er es an einer Ecke aus dem Müllbeutel heraus und faltete es vorsichtig
auseinander.
Da das Papier völlig durchweicht und mit zahlreichen
Flecken übersät war, dauerte es einen Moment, bis er erkannte, worum es sich
handelte, aber dann bestand kein Zweifel mehr. Es war das Impressum aus dem
Buch, das er lesen sollte.
Die fehlende Seite, die “irgendjemand” herausgerissen
haben musste, wie Howard gesagt hatte. Offenbar war er selbst dieser Jemand
gewesen, aber warum hatte er das getan und vor allem, warum hatte er ihn
angelogen?
Trotz des Gestanks wollte Jerry einen näheren Blick auf
die Seite werfen, vielleicht stand da ja irgendetwas, das er nicht wissen oder
lesen sollte, aber was hätte das schon sein können? Im nächsten Moment stieß
hinter ihm jemand einen spitzen Schrei aus.
Jerry ließ die Seite vor Schreck fallen und drehte sich
zu seiner Mutter um, die ihn fragte, was um alles in der Welt mit ihm los sei,
dass er in einem zwei Wochen alten Müllbeutel herumwühlte.
Da Jerry nicht glaubte, dass sie eine Antwort erwartete,
warf er die ohnehin unleserliche Seite in den Beutel zurück, knotete ihn zu und
lief damit an seiner den Kopf schüttelnden Mutter vorbei in Richtung
Wohnungstür.
Nachdem er den Müll entsorgt und sich gründlich die Hände
gewaschen hatte, war auch seine Mom
wieder zu Hause angekommen. “Er kommt bestimmt bald wieder”, sagte sie,
als sie sein betrübtes Gesicht sah. “Vielleicht musste er aus irgendeinem Grund
plötzlich verreisen.” Jerry nickte nur, dabei beschäftigte ihn natürlich etwas
ganz anderes.
Noch am selben Abend kramte er das Taschenbuch aus der
Schublade heraus und begann zu lesen. Jetzt, wo er wusste, dass Howard ihm
irgendetwas verheimlichte, was mit diesem Buch zu tun hatte, war es plötzlich
wieder interessant geworden.
Es war auf einmal mehr als nur ein Buch, es war ein
Rätsel. Eines das er womöglich nur würde lösen können, wenn er das Buch Seite
für Seite las. Da er am nächsten Tag schulfrei hatte, las er so lange bis ihm
die Augen wehtaten und er gerade noch imstande war, die Nachttischlampe
auszuschalten.
Er war ein bisschen stolz auf sich, weil er fast dreißig
Seiten geschafft hatte, obwohl ihm bis jetzt nichts außergewöhnliches oder
seltsames aufgefallen war. Abgesehen von dieser einen fehlenden Seite.
Ende des vierten Teils
© by Stefan Robijn

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