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Sonntag, 25. Januar 2026

Ein Interview mit dem Künstler Andre Sattler

Ingo Löchel: Andre, kannst Du den Lesern des Online-Magazins kurz etwas zu Deiner Person erzählen?

Andre Sattler: Gerne! Mein Name ist Andre Sattler, ich bin 47 Jahre alt und lebe mit meiner Frau und unseren fünf Kindern in Delitzsch, in der Nähe von Leipzig im schönen Sachsen.

Beruflich und privat ist mein Leben also recht ausgefüllt, aber die Leidenschaft für die digitale Kunst hat mich vor etwa vier Jahren gepackt. Seitdem verbringe ich jede freie Minute damit, mich in das 3D-Programm Blender zu vertiefen.

Was als Hobby begann, hat sich über die Jahre zu einer echten Passion für die Erstellung düsterer, atmosphärischer Welten entwickelt, die heute die Basis für meine Buchcover-Designs bilden.

Konrad Wolfram: Berichte doch einfach mal, wie du überhaupt dazu gekommen bist, dich mit digitalen Buch- bzw. Romancovern im weiten Feld des Horrors zu beschäftigen?

 Andre Sattler: Die Leidenschaft für den Horror und den Thriller begleitet mich eigentlich schon fast mein ganzes Leben. Angefangen hat alles im Alter von etwa 14 oder 15 Jahren.

Seitdem bin ich ein großer Fan von atmosphärischen Filmklassikern. Filme wie John Carpenters ‚The Thing‘ aus den 80ern, die gesamte ‚Alien‘-Reihe oder auch die visuelle Wucht von ‚Bram Stoker’s Dracula‘ und ‚Krieg der Welten‘ haben mich tief geprägt.

Diese Filme leben von ihrer Stimmung und ihren einzigartigen Kreaturen. Als ich dann vor vier Jahren anfing, mich intensiv in Blender einzuarbeiten, war es für mich nur logisch, diese düsteren Welten, die mich so lange fasziniert haben, nun selbst digital zum Leben zu erwecken.

Die Erstellung von Buchcovern bietet mir dabei die perfekte Plattform, um diese cineastischen Einflüsse in einem einzigen, aussagekräftigen Bild zu bündeln und eine Geschichte zu erzählen, noch bevor man die erste Seite des Buches aufschlägt.

Konrad Wolfram: Welche Arten von Horror als Genre betrachtet, liegen dir denn am meisten, also auch was explizit die Medien Literatur und Film angeht? Du hattest uns ja im Festa-Forum zuerst einen Cover-Entwurf für ein Folk-Horror-Setting vorgestellt.

Andre Sattler: Mein Herz schlägt ganz klar für den Sci-Fi-Horror und den Body-Horror. Ein absoluter Meilenstein ist für mich Cronenbergs ‚Die Fliege‘ – dieser schleichende, organische Zerfall ist visuell extrem packend. Aber auch die düsteren Dystopien und der Cyberpunk-Look von ‚Blade Runner‘ beeinflussen mich sehr, wenn es um Lichtstimmung und Weltendesign geht.

Ich mag es, wenn der Horror eine physische Präsenz hat, wie bei ‚Predator‘ oder den ‚Critters‘, die ja sogar den Sprung in den Weltraum gemacht haben. Auch Filme wie ‚Abyss‘, die mit der beklemmenden Enge und dem Unbekannten in der Tiefe spielen, sind für mich eine riesige Inspirationsquelle.

Die Liste ist eigentlich endlos, aber diese Mischung aus High-Tech, Verfall und unheimlicher Biologie ist genau das, was ich versuche, in meinen 3D-Szenen in Blender einzufangen. Es geht mir darum, diesen ‚Used-Look‘ und die Bedrohung so real wie möglich wirken zu lassen.

Ingo Löchel: Wie gehst Du beim Erstellen Deiner Bilder/Cover grundsätzlich vor?

Andre Sattler: Mein Prozess ist sehr strukturiert und folgt einer festen Kette von Schritten, um die geprüfte Qualität meiner Arbeiten zu garantieren. 

Alles beginnt mit einer konkreten Idee, zu der ich mir passende Referenzbilder suche. 

In Blender starte ich dann mit einem sogenannten ‚Blockout‘: Ich platziere einfache Blöcke, um ein Gefühl für die Komposition und die Positionierung der Modelle im Raum zu bekommen.

Ein ganz entscheidender Punkt folgt direkt danach: Ich lege fest, wie und von wo das Licht kommt. Das Licht bestimmt die gesamte Stimmung der Szene. Erst wenn das Licht-Konzept steht, füge ich die detaillierten Modelle ein – seien es Bäume, Häuser oder Kreaturen, je nachdem, was die Geschichte des Covers verlangt.

Sobald die Szene grob steht, gehe ich ins Detail: Texturieren, Shader einbauen und alles visuell miteinander in Einklang bringen. Nach dem Rendering folgt das Compositing in Blender, um Farben und Lichteffekte fein abzustimmen.

Für den letzten Schliff nutze ich GIMP für die Schärfeanpassung und den Microsoft Designer für die Typografie. Den Abschluss bildet immer ein 3D-Mockup in Blender, damit der Kunde direkt sieht, wie das fertige Buch im Regal wirken würde.

Ingo Löchel: Was ist der Vorteil an der Verwendung der 3D-Technik mit Blender gegenüber anderen Techniken?

Andre Sattler: Der größte Vorteil ist die unvergleichliche Flexibilität. Wenn ich ein Cover mit Stockbildern erstelle, bin ich an die Perspektive und das Licht der Fotos gebunden. In einer vollständigen 3D-Szene in Blender hingegen kann ich auf Kundenwünsche sofort und präzise eingehen, ohne das Bild von Grund auf neu bauen zu müssen.

Ich kann innerhalb der bestehenden Szene das Licht komplett ändern, die Kamera verschieben oder Objekte und Monster skalieren und neu platzieren. Wenn ein Kunde sagt: ‚Das Monster soll größer sein und von der anderen Seite kommen‘, dann ist das in Blender eine Sache von wenigen Klicks.

Diese totale Kontrolle ermöglicht es mir, das Cover perfekt auf die Vision des Autors oder Verlags zuzuschneiden, was mit zusammengewürfelten Stockbildern in dieser Form schlicht unmöglich wäre. Man kauft bei mir kein statisches Bild, sondern eine dynamische Welt.

Ingo Löchel: Wie lange brauchst Du durchschnittlich bis das Cover fertig ist? Oder hängt die Zeit und Dauer vom jeweiligen Motiv ab?

Andre Sattler: Das hängt natürlich immer von der Größe der Szene und der Komplexität der einzelnen Modelle ab, die ich oft individuell erstellen muss. Im Durchschnitt benötige ich etwa zwei bis drei Tage, bis ein Cover final fertiggestellt ist.

Dass ich trotz der hohen Detailtiefe meiner Arbeiten so zügig liefern kann, liegt an meiner inzwischen vierjährigen intensiven Erfahrung mit Blender.

Ich habe über die Zeit einen sehr festen Ablaufplan entwickelt – vom ersten Blockout über das Licht-Setup bis hin zum finalen Compositing. Dieser strukturierte Prozess ermöglicht es mir, sehr zielgerichtet und effizient zu arbeiten, ohne dabei die künstlerische Qualität aus den Augen zu verlieren. Man kann sagen: Die Technik sitzt so sicher, dass ich mich voll und ganz auf die Atmosphäre und das Storytelling des Bildes konzentrieren kann.

Ingo Löchel: Wie kamst Du zum Beispiel auf die Idee zu den Covern "Fragment des Vergessenen", "Der letzte Schritt" oder zu "Heimsuchung"?

Andre Sattler: Die Ideen entstehen oft aus einer Mischung von filmischen Inspirationen und dem Drang, eine neue technische Hürde in Blender zu nehmen.

Bei ‚Heimsuchung‘ war ganz klar der Film ‚Conjuring – Die Heimsuchung‘ der Funke, der die Idee entzündet hat. Ich wollte diese ganz spezielle, beklemmende Atmosphäre von klassischem Übernatürlichem einfangen.

Gleichzeitig nutze ich solche Projekte oft als technische Übung. Bei der Maske, die in einem dieser Entwürfe eine zentrale Rolle spielt, ging es mir zum Beispiel darum, komplexe Oberflächen und Materialien in Blender noch besser zu verstehen und umzusetzen.

Es ist für mich ein ständiger Lernprozess: Ich nehme ein Bild, das mich im Kopf verfolgt, und nutze mein technisches Wissen, um es so real und greifbar wie möglich zu machen. Jedes dieser Cover ist also auch immer ein Beweis für meine Weiterentwicklung als 3D-Artist.

Ingo Löchel: Wie wichtig ist es für Dich, dass das fertige Bild/Cover bereits eine Geschichte erzählt bzw. bereits eine bestimmte Stimmung erzeugt?

Andre Sattler: Das ist für mich der wichtigste Aspekt überhaupt. Ein gutes Cover darf nicht nur statisch dekorativ sein; es muss Emotionen wecken und beim Betrachter sofort Kopfkino auslösen. Ich möchte, dass man das Bild ansieht und sich unweigerlich fragt: ‚Was ist hier passiert?‘, ‚Wie konnte es dazu kommen?‘ oder ‚Wo befinden wir uns hier eigentlich?‘

Durch die 3D-Technik in Blender habe ich die Möglichkeit, Details so zu platzieren, dass sie Hinweise auf eine größere Geschichte geben – sei es durch die Lichtführung, die eine verborgene Gefahr andeutet, oder durch die Platzierung einer einsamen Silhouette vor einer gigantischen Bedrohung.

Wenn der Leser innehält und anfängt, über das Bild nachzudenken, dann hat das Cover seinen Job erledigt. Es ist der visuelle Köder, der die Neugier auf die Geschichte im Inneren des Buches entfachen muss.

Ingo Löchel: Wie flexibel bist Du bei Deiner Technik, um Korrekturen oder Veränderung an dem Motiv vorzunehmen?

Andre Sattler: Da ich das Cover als vollständige 3D-Szene aufbaue, bin ich nicht an starre Vorgaben gebunden. Ich kann jederzeit ‚ins Bild hineingreifen‘. Wenn ein Autor nach dem ersten Entwurf feststellt, dass die Kameraperspektive dramatischer sein sollte oder ein Lichtakzent auf einem bestimmten Detail fehlt, kann ich das direkt umsetzen.

Diese Anpassungsfähigkeit spart nicht nur Zeit, sondern garantiert am Ende ein Ergebnis, das exakt der Vision des Kunden entspricht – ohne Kompromisse bei der Bildqualität eingehen zu müssen.

Ingo Löchel: Benutzt Du bei der Erstellung Deiner Bilder bestimmte Grafik- bzw. Bild-(Bearbeitungs-)Programme?

Andre Sattler: Ja, ich konzentriere mich im Wesentlichen auf drei Programme, die für meine Arbeitsschritte jeweils spezialisiert sind:

Blender: Das ist mein Hauptwerkzeug. Hier findet das gesamte 3D-Worldbuilding statt. Ich erstelle darin die Modelle, baue die Szenen auf, setze das Licht und erstelle das finale Rendering.

GIMP: Nach dem Rendering nutze ich GIMP für den letzten Bildschliff. Hier nehme ich vor allem die finale Schärfeanpassung vor und korrigiere bei Bedarf noch einmal winzige Details, um die gewünschte visuelle Brillanz zu erreichen.

Microsoft Designer: Dieses Tool nutze ich gezielt für die Typografie. Hier füge ich den Titel und den Autorennamen ein und achte darauf, dass die Schrift perfekt mit der Atmosphäre des Bildes harmoniert.

Durch diese Kette – vom komplexen 3D-Aufbau bis zum grafischen Finetuning – stelle ich sicher, dass das Cover am Ende wie aus einem Guss wirkt.

Konrad Wolfram: Als absoluter Laie muss ich da einfach mal fragen, welche Voraussetzungen muss man denn eigentlich technisch-digital als auch persönlich haben, um solche Cover-Werke überhaupt in dieser Form anfertigen zu können und wie viel Zeit benötigt man durchschnittlich für ein Cover?

Andre Sattler: Eigentlich ist die Einstiegshürde heutzutage erstaunlich niedrig. Technisch gesehen ist Blender ein Segen für jeden Künstler, da es komplett kostenlos ist und eine riesige Community im Rücken hat.

Man findet zu fast jedem Problem unzählige Tutorials auf YouTube, die einem den Einstieg erleichtern. Auch die Hardware ist kein unüberwindbares Hindernis: Man braucht keinen High-End-Rechner für tausende Euro; ein solider Mittelklasse-PC reicht völlig aus, um mit der 3D-Gestaltung zu beginnen.

Die eigentlichen Voraussetzungen sind eher persönlicher Natur. Man braucht vor allem Geduld und Ausdauer, denn die Lernkurve in Blender kann am Anfang steil sein. Man darf nicht aufgeben, wenn ein Rendering mal nicht so aussieht wie geplant. Zudem ist ein Auge für Licht und Komposition entscheidend.

Technik kann man lernen, aber das Gespür dafür, wie Licht eine Szene bedrohlich oder geheimnisvoll macht, muss man ständig schulen und weiterentwickeln. Es ist ein Prozess, der nie wirklich aufhört.

Konrad Wolfram: In Sachen Covergestaltung kenne ich ja z.B. die Cover der Gruselromane aus dem Bastei Verlag. Sind die z.B. wie beim Gespenster-Krimi oder den neuen John Sinclair Romanen im Gestaltungsrahmen anders aufgebaut als Cover-Entwürfe von dir? Wo liegen da eventuell die wichtigsten Unterschiede?

Andre Sattler: Ich sehe meine Arbeit definitiv als eine moderne Weiterentwicklung dieser klassischen Heftroman-Cover. Die Klassiker von Bastei oder die John Sinclair Romane haben das Genre geprägt und leben oft von einem sehr plakativen, illustrativen Stil oder klassischen Fotomontagen.

Der wichtigste Unterschied liegt in der technischen Tiefe und der Lichtstimmung. Durch die Arbeit in Blender erschaffe ich keine flache Collage, sondern einen dreidimensionalen Raum. Das erlaubt mir einen viel realistischeren, fast schon cineastischen Look. Während die Cover früher oft sehr bunt und ‚gezeichnet‘ wirkten, setze ich heute auf einen fotorealistischen Stil mit physikalisch korrektem Licht und Schatten.

Man könnte sagen: Ich nehme den Geist und die Spannung der alten Gruselromane und übersetze sie in die visuelle Sprache des modernen Kinos. Mein Ziel ist es, dass das Cover nicht wie eine Illustration aussieht, sondern wie ein Standbild aus einem High-End-Horrorfilm, das den Leser sofort in seine Welt zieht.

Ingo Löchel: Hast Du künstlerische Vorbilder, die Dich beim Erschaffen Deiner Bilder/Cover inspirieren?

Andre Sattler: Ich orientiere mich tatsächlich weniger an klassischen Malern oder Illustratoren, sondern bleibe meinen filmischen Vorbildern treu. Für mich sind Regisseure wie Ridley Scott, John Carpenter oder David Cronenberg die wahren Meister der Atmosphäre.

Mich inspiriert die Art und Weise, wie sie Licht einsetzen, um Bedrohung zu erzeugen, oder wie sie durch die Wahl des Bildausschnitts eine Geschichte erzählen, ohne ein einziges Wort zu sagen.

Wenn ich an einem neuen Cover in Blender arbeite, habe ich oft eine bestimmte Filmszene im Hinterkopf und versuche, dieses spezielle ‚Gefühl‘ – diese Mischung aus Ehrfurcht und Gänsehaut – in mein Standbild zu übertragen. Mein Ziel ist es immer, dass der Betrachter denkt: ‚Das sieht aus wie ein Film, den ich unbedingt sehen will‘.

Konrad Wolfram: Würde es dich nicht auch reizen, z.B. bei einem Internet-Portal wie Deviant Art deine Werke zu zeigen? Ich schätze mal, dass auch Verlage usw. hier schon mal nach guten Talenten Ausschau halten könnten?

Andre Sattler: Ich bin tatsächlich bereits auf ArtStation vertreten, allerdings betrachte ich diese Plattform eher als mein digitales Schaufenster. Es ist wichtig, dort präsent zu sein, damit Verlage oder Art-Directoren sich einen Überblick über die Qualität meiner Arbeit verschaffen können.

Allerdings muss man ehrlich sagen: Auf ArtStation bekommt man kaum bis gar kein Feedback. Es ist eine sehr anonyme Galerie. Für mich als Künstler ist der Austausch mit einer Community aber unverzichtbar. Deshalb schätze ich den Kontakt im Forum so sehr.

Das direkte Feedback der Leute dort bringt mich künstlerisch enorm voran. Man sieht die eigenen Werke oft mit einer gewissen Betriebsblindheit; Kritik und Anregungen aus einer aktiven Community helfen mir, Fehler zu erkennen und meine Technik sowie Bildsprache ständig zu verbessern. Für mich ist dieser Dialog der Motor meiner Weiterentwicklung.

Ingo Löchel: An welchen Projekten arbeitest Du derzeit?

Andre Sattler: Nachdem ich gerade Projekte wie ‚Das Nest‘ und das maritime Horror-Cover ‚Leviathan-Protokoll‘ abgeschlossen habe, arbeite ich aktuell daran, mein Portfolio weiter zu diversifizieren.

Mein Ziel ist es, meine Expertise in Blender noch weiter zu vertiefen – besonders im Bereich komplexer organischer Strukturen und atmosphärischer Lichtsetzung. Parallel dazu baue ich meine Präsenz auf Fiverr aus, um Autoren und Verlagen maßgeschneiderte, handgefertigte Cover-Designs anzubieten, die sich deutlich vom Einheitsbrei abheben.

Ingo Löchel/Konrad Wolfram: Andre, vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.

 

Bilder/Cover, © by Andre Sattler

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